Neuer, alter Hund

Der Mischlingsrüde Nicky ist schon etwas in die Jahre gekommen. Und die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Er hat Probleme mit seinen Gelenken und er hat Übergewicht. Die Halterin wünscht sich ein Wunder – aber Wunder dauern etwas länger.

Der Hund mit dem zotteligen Fell lief im Behandlungszimmer ein paar Mal im Kreis herum. Die Haare um seine Schnauze hatten die Jahre vom ursprünglichen Rotbraun zu Weiss verfärbt. Schliesslich legte er sich mit einem tiefen Seufzer auf den Boden. Das heisst, er warf sich förmlich hin, denn ein normales Hinlegen war mit seinen schmerzenden Knien nicht möglich. Dann leckte er seine Ellbogen. Offenbar hatte der Hund in letzter Zeit viel gelegen, denn die Ellbogen waren aufgeraut und schmerzten ebenfalls. Und sein offensichtliches Übergewicht war nicht unbedingt förderlich für solche Gelenke. Die Kundin, die mit ihm hergekommen war, erklärte mir, dass es sich um einen besonderen Hund handelt: «Meinem alten Vater geht es nicht gut. Dank Nicky aber geht er regelmässig nach draussen. Und er spricht viel mit ihm. Seit er Witwer ist, redet er sonst kaum noch.

Dieser Hund muss einfach noch Jahre gut und schmerzfrei laufen können, denn wenn es dem Hund schlecht geht, geht es meinem Vater auch schlecht!» Sie hatte Tränen in den Augen. Ich erlebe das Problem häufig. Gewisse Tiere dürfen einfach nicht sterben. Gerade bei alten Menschen sind sie oft eine wichtige letzte Lebensstütze. Diese Frau erwartete von mir ein Wunder, eine kleine, rosa Pille, welche alles wieder gut macht. Leider musste ich sie enttäuschen. «Für die Dauer eines Lebens bin ich nicht zuständig, dafür müssen Sie in diesem Haus dort nachfragen.» Ich deutete auf die Kirche gleich gegenüber dem Fluss. «Was ich aber machen kann, ist, den Hund zu untersuchen und zu versuchen, seine Beschwerden zu lindern! Vielleicht reicht das, um Nicky und Ihrem Vater noch eine gute Zeit zu ermöglichen.»

Es folgten mehrere Untersuchungen. Der alte Hund musste Blutproben und Röntgenbilder über sich ergehen lassen. Zum Glück hatte er noch ein gesundes Herz. Ausser Rücken- und Knieschmerzen, dem Übergewicht und den wunden Liegeschwielen schien er noch gut beieinander zu sein. Ich trug der Besitzerin ein ganzes Programm auf: Besuche beim Chiropraktor und eine Physiotherapie, verbunden mit Schmerzmitteln waren der Beginn, später nur noch Physiotherapie und Schmerzmittel. Auch ein Futtermanagement, abgestimmt auf sein Gewicht und die Guetzlimenge, welche ihr Vater ihm tagsüber verfütterte, und die Laufstrecke, wurde errechnet.

Bei jedem Kontrollbesuch sah man dem Hund an, dass er immer fröhlicher wurde. Sein Gewicht nahm ab und er freute sich auf den Besuch bei uns. Die Besitzerin lachte: «Jetzt scheint er einen zweiten Frühling zu erleben. Er hat neulich meinen alten Vater richtiggehend weitergezerrt. Ich glaube, beide gehen jetzt schneller und weiter!»

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 14:59 Uhr

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