Ein seltener «Gast»

Dieser Patient hat ganz spezielle Probleme mit dem Darm. Und er ist auch ein ganz spezieller Patient. Es handelt sich nämlich um eine sehr elegant aussehende Schlange.

Dies war keine gewöhnliche Patientin: Eine wunderschöne, goldgelbe, junge Schlange ringelte sich am Arm ihres geschockten Besitzers fest. Sie hatte Darmprobleme und war gerade dabei, einen Teil ihres Darmes zu verlieren. Er hing als hässliches, rotes Gebilde an diesem eleganten Tier. Ich versuchte mit langsamen Bewegungen, die Schlange zu übernehmen. Sie war eine ungiftige Natter, das Anfassen deshalb gefahrlos. Sie aber wollte mit meinen nach Hund und Katze riechenden Händen offenbar nichts zu tun haben. Also musste der Besitzer sie weiterhin halten, bis ich sie fertig untersuchen konnte.

«Sie muss in Narkose gelegt werden, um das zu machen», meinte ich und erklärte, dass so ein hervorgestülpter Darm mit viel Geduld wieder zurückmassiert werden kann, etwa so, wie man eine verdrehte Socke wieder richtet. Es ist wichtig, dass ein solcher Vorfall schnell behandelt wird, damit das Stück Darm nicht austrocknet. Die goldene Schlangewurde wieder zu ihrer Transportboxe zurückgebracht. Sie hielt sich trotzdem immer noch am Arm ihres Besitzers fest. Offensichtlich war ihr darin nicht wohl. Vorsichtig löste sie der Besitzer von seinem Arm und legte sie auf das Papier. Ich legte den Narkosegasschlauch an die Boxe und dichtete alles ab. Dann mussten wir lange warten. Reptilien haben einen langsameren Stoffwechsel als Warmblüter. Sie müssen, gerade wenn sie etwas unterkühlt sind, lange das Narkosemittel einatmen, bis sie schlafen. Auch ist die Narkose schwierig zu überwachen. Weder sind Atembewegungen sichtbar, noch kann man sich auf Pupillenreflexe oder Schleimhautfarbe verlassen. Immer wieder stupste ich die Schlange an, um festzustellen, ob sie bereits schläft.

Schliesslich liess sie sich ohne Gegenwehr auf den Rücken drehen und zeigte auch keine Schmerzreflexe mehr. Endlich konnte ich anfangen, ihren Darm zurückzustülpen. Millimeter für Millimeter drehte ich die Schlange wieder in sich hinein. Eine Naht fixierte das Ganze an Ort und Stelle. Dann durfte sie wieder in ihrer Box erwachen. Als der Besitzer wieder hereinkam, erklärte ich ihm, dass diese junge Schlange jetzt ein wenig fasten müsse. So etwa drei Wochen ohne Nahrung sollten genügen. Als er sie hinaustrug, dachte ich, es müsse schön sein, ein Leben als Schlange zu führen. So problemlos drei Wochen fasten, und erst noch immer schlank und rank, – oder haben Sie schon mal eine dicke Schlange gesehen?

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 15:04 Uhr

Mehr zum Thema:

Mehr Geschichten aus der Tierarztpraxis

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:


Die neuesten Kommentare zu den Geschichten aus der Tierarztpraxis:

Ursula antwortet vor 2 Wochen
Eins, zwei – ganz viele
Vielen Dank, mir gefallen alle ... 
Smithc477 antwortet vor 2 Monaten
Mein Hund, dein Hund
Awesome article post.Thanks Ag ... 
Sonja Tschudin antwortet vor 2 Monaten
Noro wahrt die Haltung
Für ältere Hunde, die plötzlic ... 


Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?