Siehe da, ein Tigerli!

Katinka ist keine einfache Katze. Und das ist noch untertrieben. Sie zerstört die Möbel, ist unsauber, ausserdem aggressiv gegen alle und alles. Die Besitzerin sieht keinen Ausweg mehr und will sie einschläfern.

Die beige-weisse Katze wollte nicht aus ihrer Transportbox heraus. Vielleicht ahnte sie, dass ihre Halterin sie einschläfern lassen wollte? Nach einigem Ziehen hatte ich sie endlich auf dem Untersuchungstisch. Sie kauerte sich nieder und wartete ab. Die Besitzerin hatte Tränen in den Augen. «Es geht einfach nicht mehr! Katinka ist aggressiv, zerstört die gesamte Wohnung und ist unsauber. Neulich hat sie mir auf die neue, helle Couch gepinkelt!»

Dann erzählte sie, was sie alles für die Katze getan hatte. Von den vielen neuen Katzentoiletten und Kratzbäumen, von Kartonkisten als Schlupfwinkel über Spielsachen bis zu einer zweiten Katze, welche aber nach wenigen Tagen herben Streites wieder aus derWohnung musste. Katinka war offenbar unverbesserlich. Selbst die vielen guten Ratschläge von Therapeuten und Katzenflüsterern brachten nichts. Katinka grollte dem Menschen und zerstörte weiter.

Diese Katze tat mir leid, ich streichelte ihr kurzes, etwas struppiges Fell. Sie war noch viel zu jung zum Einschläfern. Ich diskutierte mit der Besitzerin und fragte sie, ob sie an ein Umplatzieren gedacht hätte. «Ja, aber ich kann doch keinem neuen Katzenbesitzer eine unsaubere, Möbel zerstörende Katze zumuten!» Da fragte ich sie spontan, ob ich Katinka in die Praxis nehmen dürfe. Es musste doch einen Platz geben, an dem diese Katze sich wohlfühlte. Geboren auf einem Bauernhof, hatte sie offensichtlich Probleme mit dem Stadtleben. Obwohl sie schon als kleine Jungkatze in einer Wohnung gelebt hatte, schien sie viel wildes Blut in ihren Adern zu haben. Als Praxiskatze machte Katinka ebenfalls keinen guten Eindruck. Sie schmollte und drehte uns tagelang den Rücken zu. Sie konnte keine Möbel zerstören, da sie in einem Gehege wohnte, aber wenigstens war sie sauber.

Eines Tages kam eine Frau zu uns, die eine Katze suchte – ein Engel musste sie geschickt haben. Sie stand vor dem Gehege und wir sahen wieder nur Katinkas Hinterteil. Nach langen Gesprächen war sie bereit, es mit dieser Katze zu probieren. Ein verwilderter Garten war direkt vor ihrem Haus. Auch hatte sie viel Katzenerfahrung. Bei der nächsten Impfung erkannte ich Katinka nicht mehr. Sie hüpfte sogleich aus dem Körbchen und schmiegte sich liebevoll an ihre Besitzerin. Mit Unsauberkeit oder Aggressionen gab es kein Problem mehr. Ausserdem war ihr Fell jetzt getigert und nicht mehr beige. Ich untersuchte ihr Fell. Offensichtlich war sie die ganze Zeit eine Tigerkatze gewesen. Doch sie hatte sich in ihrer seelischen Not das gesamte Fell kurz geleckt.

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 15:19 Uhr

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