Verfressenes Frettchen

Jamie wird ganz schwach und abgemagert in die Tierarztpraxis gebracht. Das Frettchen scheint Probleme zu haben mit der Verdauung. Doch auf den Röntgenbildern ist nichts zu sehen.

Das Frettchen lag müde in seinem Transportkörbchen. Es hatte seit Längerem nichts mehr gefressen und erbrach sich immer wieder. Vorsichtig schaute ich in den Käfig hinein. Frettchen sind sehr flink und verstecken sich gerne in den kleinsten Löchern. Deshalb versuche ich immer, die kleinen Kobolde ruhig und schnell zu sichern. In diesem Fall aber war die Vorsicht nicht nötig. Jamie war so schlapp, dass er alles ohne Gegenwehr über sich ergehen liess. Seine Knochen ragten überall aus dem Fell. Er hatte stark abgenommen, was ihn mit seinem durch Krankheit filzigen Fell sehr alt aussehen liess.

Frettchen sind sozusagen etwas zwischen Hund und Katze. Zu Hause bewegen sie sich turnerisch auf einem Kratzbaum und draussen kann man sie wie einen Hund an der Leine Gassi führen. Ist der Besitzer ausser Haus, spielen und schlafen die Frettchen in einem Käfig, bis sie wieder unter Aufsicht die Wohnung unsicher machen dürfen. Die Haltung von Frettchen setzt aber viel Fachwissen voraus, weswegen sie bewilligungspflichtig sind. Ich musste Jamie etwas Blut abnehmen, um ein Laborbild zu machen. Häufig leiden diese Kerlchen an Diabetes (Zuckerkrankheit). Auch unkastrierte Fähen (Weibchen) werden lebensbedrohlich krank. Jamie aber hatte nichts von alldem. Selbst auf dem Röntgenbild sah man nichts Aussergewöhnliches. Müde und mager lag er in meiner Hand. Ich konnte ihm nicht helfen.

«Die Möglichkeiten dieser Praxis sind ausgeschöpft. Für weitere Untersuchungen müssen Sie zu einem Spezialisten!», erklärte ich. Jamies Besitzer machte sich sorgenvoll auf zu einem Zootierspezialisten. Danach hörte ich eine Weile nichts mehr von ihm, bis er eines Tages zum Impfen angemeldet war. Frettchen teilen sich Krankheiten mit Hunden und müssen deswegen regelmässig geimpft werden. Kaum war die Türe des Transportkorbes geöffnet, turnte ein munterer, frecher Jamie herum. Sein Besitzer strahlte: «Der Kleine hatte eine Kaffeebohne im Magen. Deshalb das Erbrechen, und wir sahen beim Röntgen nichts, da Kaffeebohnen auf Röntgenbildern nicht sichtbar sind. Das war wohl eine der teuersten Kaffeebohnen der Welt!»

Jamie kletterte auf meine Schulter und schnüffelte neugierig an meinem Stethoskop. Ich lachte und dachte an den sogenannten Kopi Luwak, Kaffee, der aus Bohnen hergestellt wird, die Schleichkatzen gefressen haben. «Sind nicht Kaffeebohnen, welche vorgängig von Raubtieren verdaut wurden, eh die teuerste Kaffeesorte?»

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 15:21 Uhr

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