Ä särbäligä Bänz

Im Urnerland heisst vieles anders als anderswo. Als eines Tages ein «Bänz» als Patient angekündigt wird, ist Chantal Ritter ratlos. Was ist das für ein Tier? Des Rätsels Lösung kommt in einem Rucksack.

Eine Zeit lang arbeitete ich im Urnerland. Jedes Mal kam ich mit meinem Baseldeutsch an Grenzen. Aber die Urner waren unerbittlich. Sie sprachen prinzipiell Urnerisch – mit einem Augenzwinkern – und liessen mich immer wieder rätseln, was gemeint war. Ein Telefonat liess mich schwitzen: «Miär händ ä särbäligä Bänz. Dr Grosi bringt ä verbii. Äs isch ja käi wittä Wäg.» Ich war ratlos und konnte gerade noch «Um halb vier?» zurückmelden, als aufgehängt wurde.

Ich studierte verschiedene Bücher. Keinerlei Tiergattung passte auf «särbäligä Bänz»! Viele Aus-drücke wie «Schloss» oder «Gadä» hatte ich in der ersten Zeit bereits übersetzen können. Ich versuchte, Mitarbeiter zu fragen. Die Antwort war (wieder mit einem Augenzwinkern): «Ä Bänz? Dänk ä Bänz. S git nur äi Namä drfir.» Mir blieb also abzuwarten, was für ein geheimnisvolles Tier auftauchen würde.

Nach endlosen Stunden schaute ich immer wieder neugierig zum Fenster hinaus. Dann brummte gemächlich ein Mofa die Hauptstrasse entlang. Darauf sass ein Grossvater mit weissem Bart und Stumpen. Er schien aber kein Tier bei sich zu haben. Ich staunte nicht schlecht, als er vor der Praxis anhielt. Auf dem Rücken hatte er einen alten Armeerucksack. Zielstrebig stapfte er in die Praxis und wuchtete den Rucksack auf den Praxistisch. Die dünne krumme Zigarre behielt er im Mund, sie brannte ja schliesslich nicht. Ich war gespannt, was folgen würde.

Der Rucksack rappelte und zappelte, und es streckte plötzlich ein junges Schaf seinen Kopf hinaus. Dann wieder ein Zappeln, und das Schaf stand auf dem Tisch. Seinem grossen Kopf und dem mageren Körper sah man an, dass es ein Kümmerer war. Durch den Transport und die Krankheit war der Bänz sehr erschöpft. Traurig liess er seinen Kopf hängen und stand zitternd auf dem Behandlungstisch. Das arme Tier war sehr bleich. Ich untersuchte es fertig und fragte den Grossvater nach der Entwurmung seiner Schafe. Denn Schafe können stark unter blutsaugenden Würmern leiden, welche sie bei starkem Befall bleich und krank machen. Der Grosi murmelte etwas, das ich wieder nicht verstand – vermutlich ein «hät mi Änkel gmacht». Ich entwurmte den Kleinen und packte noch Wurmmittel für die gesamte kleine Schafherde mit ein.

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 15:23 Uhr

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