Der Fasnachtsvogel

Hat er einen Vogel – oder hat er wirklich einen Vogel? Oder macht er Witze? Das ist beim ersten Anruf des Kunden in der Praxis nicht ganz klar. Schliesslich bringt er einen Wellensittich vorbei.

Wie immer, bricht an der Fasnacht eine medizinisch gemächliche Zeit an. Der einzige Stress ist, die richtigen Notfälle von Telefonwitzen zu unterscheiden. Mitten in der Vorfasnacht hatten wir einen besonders schwierigen Anruf. «Ich will meinen Vogel impfen lassen.» Die Angestellte fragte freundlich nach. Es gibt Impfstoffe für Tauben und Hühner, allerdings interessiert das nur Züchter und landwirtschaftliche Betriebe. Heisst etwa seine Katze «Vogel?» «Nein, ich besitze einen Vogel und will ihn impfen lassen!»Wir wussten wirklich nicht, ob ein Fasnächtler oder ein besorgter Vogelbesitzer am anderen Ende der Leitung war. Wir machten einen Termin aus, zur Zeit des grossen Stadtumzuges. Jeder Fasnächtler würde da sicher nicht kommen wollen. Der Anrufer war zufrieden und legte auf. Am Schmutzigen Donnerstag kam auch tatsächlich dieser Vogelbesitzer. Er trug einen Transportkäfig, der mit einem Badetuch vermummt war.

Auf dem Praxistisch sah ich, dass es sich um einen Wellensittich handelte. Ich erfuhr, dass der Besitzer von seinen Kollegen überzeugt worden war, sein Vogel müsse geimpft werden! Er hatte sich einen Bären aufbinden lassen. Ich biss mir auf die Lippen, um nicht zu lachen und untersuchte den kleinen, gefiederten Freund. Es stellte sich heraus, dass der Besitzer diesen Sittich alleine hielt. Ich nutzte die Gelegenheit, ihn darauf anzusprechen. Er hatte sich einfach so, ohne zu überlegen, diesen Vogel angeschafft. Der kleine Besuch, einen Vogel zu impfen, endete damit, dass ich ihn belehren musste, wie Vögel und Wellensittiche im Speziellen gehalten werden sollten. Auch schickte ich ihn los, einen grösseren Käfig und insbesondere einen Partner für das Wellensittichweibchen zu kaufen. Schlussendlich nahm ich dem Wellensittich den Ring ab, da dieser bereits einzuwachsen drohte. Glücklich verliess der Besitzer die Praxis mit allerlei Vorsätzen. Ich hatte alles gemacht, nur nicht geimpft.

Wollten ihm seine Kollegen wirklich nur einen Bären – sorry, Vogel – aufbinden? Oder hatten sie nur einen Vorwand gesucht, ihm zum Tierarzt zu bringen, um die Einsamkeit seines Vogels zu beenden? Ich freute mich sehr, als er mir am Güdisdienstag, wieder während eines fasnächtlichen Anlasses, seinen neuen zweiten Vogel vorbeibrachte. «Auch zum Untersuchen und um den Ring zu entfernen», meinte er mit Kennermiene!

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 15:24 Uhr

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