Die Katze im Büro

Die Katze fauchte und versuchte, mich durch den Käfig hindurch zu kratzen.

«Zu mir war sie immer zutraulich», meinte die Büroangestellte. Sie hatte das Tier schon seit Längerem im Industriequartier herumstreunen sehen. Eine Weile hielt sie dem herzzerreissenden Miauen der Katze stand, dann siegte das Mitleid und sie gab ihr schliesslich Futter. Danach war die Katze regelmässig gekommen. Und nun hatte die Katze ein Problem: «Ringsum sind grosse Autostrassen. Hier kann sie unmöglich ihre Kleinen auf die Welt bringen!» Die Frau deutete auf den Bauch der Katze. Dieser sei in den letzten Wochen immer dicker geworden. Auch versuche die Katze verzweifelt, ins Bürogebäude hineinzukommen. Offensichtlich wollte sie ihre Jungen in diesem Büro zur Welt bringen.
So wurde nach einem Meeting mit dem Chef bestimmt, dass die Katze umplatziert werden müsse. Eine Angestellte wurde zur Katzenverantwortlichen erkoren, die das Suchen eines geeigneten Plätzchens umgehend weiterdelegierte. Die Telefone liefen heiss. So war die Katze bei uns gelandet.
Ich hielt sie vorsichtig am Nacken und begann sie zu untersuchen. Einen Chip hatte sie nicht. Die Katze duftete stark nach Frauenparfum. «Sie darf tagsüber also doch in Ihr Büro?», fragte ich. Die Frau war erstaunt. «Wenn der Chef weg ist, lassen wir sie herein. Wir haben ihn auch im Verdacht, sie heimlich hereinzulassen, denn einmal roch sie stark nach seinem Aftershave!»
Ich machte ein Röntgenbild, um festzustellen, wie viele Babys erwartet wurden. «Es sind vier Babys und die sind bereits geburtsreif, das sieht man.» So zog die Bürokatze bei uns ein. Wir verabredeten, dass sie nach der Babypause kastriert wieder in die Freiheit durfte. Eine Angestellte war bereit, sie bei sich aufzunehmen.
«Tipp-ex», so nannten wir sie, war mit dem neuen Katzengehege gar nicht einverstanden. Sie miaute den ganzen Tag und wollte hinaus. Auch die Wurfboxen mochte sie nicht. Nach zwei Wochen begann ich an meiner Diagnose zu zweifeln.Endlich, nach zweieinhalb Wochen, hatte die Katze ihre Babys zur Welt gebracht. Die Kleinen (wir nannten sie Bic, Post-it, HP und Brother) wurden platziert und Tipp-ex konnte es kaum erwarten, die Praxis ebenfalls zu verlassen. «So, jetzt kannst du den Tierarztpraxisduft wieder gegen den Parfumduft eintauschen», sagte ich zu ihr, als es so weit war. Die Angestellte, welche sie abholte, meinte lachend: «Vielleicht auch mal gegen ein bisschen Aftershave, was meinst du, Katze?»

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 15:30 Uhr

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