Der arme Sämi

Der kleine Hund ist krank: Sämi kann nicht sitzen, nicht liegen, nur noch stehen. Und fressen will er auch nichts. Doch in der Tierarztpraxis geht es ihm plötzlich besser – mit ungeahnten Folgen …

Der wuschelige Hund hatte alle seine Freude verloren. Das Schwänzchen eingeklemmt, stand er da, mit hängendem Kopf. Die Besitzerin kniete sich neben ihn und erzählte, dass er seit drei Tagen weder gefressen noch gekotet habe. Auch sei er immer in dieser Position, lege sich überhaupt nicht gerne hin. Ich untersuchte ihn vorsichtig. Beim Palpieren des Bauches jammerte er wegen seiner starken Schmerzen in diesem Bereich.

Ich fragte die Besitzerin nach Sämis Fressgewohnheiten. «Er frisst nichts ausser seinem Futter. Bei Spaziergängen benimmt er sich immer artig. Vor einer Woche haben wir ihm zum ersten Mal einen Knochen zu fressen gegeben». Rinderknochen sind sehr hart. Gierige Hunde können diese hinunterschlucken und dann Probleme mit im Verdauungstrakt festgeklemmten Knochen haben. «Zum Glück sieht man Knochen beim Röntgen», meinte ich. Der arme Sämi wurde unter die Röntgenröhre gelegt. Bevor das Röntgenbild entwickelt war, musste Sämi plötzlich dringend mal, und stand kurz darauf über einer stinkenden braunen Brühe. Ich konnte gerade noch sagen «Niiicht absitzen» als Sämi brav Platz machte …

Nachdem der Hund und der Praxisboden wieder einigermassen sauber waren, sah ich mir das Röntgenbild an. Leider keine Knochen. Jedoch sah ich im Röntgenbild eindeutige Zeichen eines Darmverschlusses. Wieso aber hatte Sämis Darm ausgerechnet jetzt wieder begonnen zu arbeiten? Hunde mit Darmverschluss sollte man operieren. Sämi hatte gemäss Röntgenbild einen Darmverschluss, an seinem Verhalten aber sah man deutlich, dass der Darm wieder arbeitete. Operieren oder nicht? Ich beobachtete den grauen Wuschelhund und wägte mein weiteres Vorgehen ab, als Sämi wieder einen Buckel machte. Mein «Neiiin, warte bis wir …» half nicht.

Mit einem Plopp kullerte ein Gummiball auf den Praxisboden. Die Besitzerin strahlte: «Das Katzenspielzeug! Wir hatten noch gar nichts vermisst!» Jetzt fühlte sich Sämi besser, das war nicht zu übersehen. Er wedelte uns zu und drehte sich wild um den Infusionsständer herum. Sein Darmverschluss kam offenbar von diesem auf dem Röntgenbild nicht sichtbaren Gummiball.Ich atmete auf. Es war klar, dass der freundliche Kerl um eine Operation herumgekommen war.

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 15:34 Uhr

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