Ein Opfer des Sensenmanns

Als Tierärztin sieht man viele Tierschicksale. Viele nehmen ein Happyend, und die Patienten können gerettet werden. Doch nicht alle Fälle gehen gut aus. Für einen Igel kommt die Hilfe zu spät.

Viele Menschen mähen zurzeit ihre Hecken mit einer Tellersense. So auch ein Bewohner eines Luzerner Vorortes. Er arbeitete derart konzentriert, dass er wohl gar nicht bemerkte, wie er einen jungen Igel überraschte. Dieser versuchte, vor dem Lärm zu flüchten. Doch es gelang ihm nicht. Schwer verletzt im Gesicht durch die Sense, torkelte der Kleine durch mehrere Gärten, bis er von Tierfreunden eingefangen wurde und zu mir kam.

Igel befreien Gärten von Käfern, Käferlarven und Schnecken. Sie sind nachtaktiv, das heisst, dass man gesunde Igel nur in der Dämmerung und nachts sieht. Igel, welche tagsüber umherirren, sind meist krank. Der Sensenmann hatte nicht gesehen, dass sich dieser Igel in seiner Hecke zum Tagschlaf zusammengerollt hatte. Hätte er vorgängig das zu mähende Gebiet nach Wildtieren abgesucht, wäre der Kleine davongekommen. Und der Gärtner hätte durch diesen Igel einen treuen und günstigen Mitarbeiter in der Abteilung «biologische Schädlingsbekämpfung» gehabt.

Nun lag das Tier stattdessen zitternd auf meinem Untersuchungstisch. Ich wollte feststellen, wie schwer seine Verletzungen waren, doch der Kleine rollte sich immer wieder zusammen. So musste er eine Narkose über sich ergehen lassen. Dafür sperrten wir den Igel in eine luftdichte Box, welche mit einem Narkosegas gefüllt wurde. Nach mehreren Minuten schlief er jeweils nur für kurze Zeit und musste, kaum erwacht, immer wieder in die Box zurückgelegt werden. Was ich sah, machte mich traurig. Sein halbes Gesichtchen war weggemäht worden. Hätte er nur ein Auge verloren oder eine harmlosere Fleischwunde gehabt, hätte ich ihn heilen können.

Leider war aber seine Verletzung zu schwer, als dass er selbstständig hätte leben können. Später, auf dem Heimweg, sah ich einen Mann, der das Gras unter einer Hecke mit einer Tellersense mähte. Ich rief ihm zu, er möchte doch bitte auf Igel achten. Er antwortete mit einem breiten Lächeln: «Sicher, ich lasse die kleinen Gartenhelfer am Leben! Ich passe auf!»

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 15:39 Uhr

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