Josephine - oder Seppi?

Eine Kundin bringt eine zugelaufene Katzendame in die Praxis. Sie möchte das Tier gerne behalten und schwärmt davon, wie zart und feingliedrig es sei. Doch dann gibt es eine grosse Überraschung.

Die Kundin am Telefon klang fast schon euphorisch: «Eine hübsche Katzendame streunt in unserem Quartier. Ich würde sie so gern adoptieren. Kann ich mal mit ihr vorbeikommen?» Ich musste sie etwas bremsen. Zuerst müsse sie ganz sicher sein, dass die Katze wirklich kein Zuhause habe, schärfte ich ihr ein. Sie solle der Katze ein Halsbändchen anziehen mit der Aufschrift «Wem gehöre ich? Bitte anrufen.» Und ihre Telefonnummer dazuschreiben. Dann müsse sie das Tier bei den kantonalen Meldestellen ausschreiben. Ferner solle sie sich bei den Nachbarn erkundigen und an einem lokalen An-schlagbrett ein Foto der Katze mit dem Vermerk «Zugelaufen» aufhängen. «Erst wenn sich zwei Monate lang niemand meldet, dürfen Sie sie definitiv behalten», schloss ich.


Nach diesem Anruf hörte ich lange nichts mehr von der Katzenfinderin. Dann sah ich in der Agenda der Praxis, dass sie sich mit der Katzendame für einen ersten Termin angemeldet hatte.
Kaum war sie da, begann die Kundin zu schwärmen. Die Katze sei so fein und zart. Sie habe in letzter Zeit aber dank ihres guten Futters etwas zugenommen. Keiner vermisse sie und die Nachbarn hätten auch schon bemerkt, dass diese Katze immer in eine Wohnung hinein wollte. Sie sei offensichtlich häuslich und suche geradezu ein Zuhause. Sie erzählte auch, dass sie früher eine sehr feingliedrige Katzendame gehabt habe, die dann leider gestorben sei.
Ich sah mir diese Katzendame genauer an. Dann stutzte ich. «Sie sind stolze Besitzerin eines jungen Katers», meinte ich schmunzelnd. «Er ist dem Zahnalter nach noch sehr jung und wird einmal gross und stattlich!» Ich zeigte ihr eine blendend weisse Reihe Milchzähne und Babykatzentatzen, fast so gross wie meine Handteller. Die Besitzerin schwieg. Sie hatte offensichtlich damit gerechnet, dass das feine zarte Kätzchen nicht mehr grösser werden würde. Dass aus der Katzendame ausserdem gleich noch ein Katzenherr wurde, war schwer zu fassen.
Nach einer Weile meinte sie, sie behalte ihn halt doch. Nur heisse er jetzt Seppi, nicht Josephine, wie ursprünglich gehofft.

Aus Seppi wurde tatsächlich ein stattlicher, grosser Kater. Er war wild und verspielt und dominierte die gesamte Gegend. Trotz Hoffnungen der Besitzerin, zeigte er keinerlei weibliche Seiten. Durch und durch ein Kater und der Chef im Quartier.
Aber er war auch sehr charmant und anhänglich. Bei einer Routineimpfung meinte die Besitzerin, sie sei erstaunt, wie verschmust Kater sein können, «sogar mehr, als ich es von meiner vor langer Zeit verstorbenen Katzendame gewöhnt war», schloss sie mit einem versöhnlichen Lächeln. «Ich würde ihn nicht mehr hergeben!»

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 15:41 Uhr

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