Kino Kongo

Sybil Schreiber: Meine Güte, ich bin noch ganz benommen von meiner Reise in den Kongo. Natürlich war ich nicht wirklich dort, sondern nur im Kino. Grosses Kino!
Fantastisch, dass solch tolle Geschichten erzählt werden, das muss ich Schneider erzählen, denn er liebt gute Geschichten. Und während ich ihm die Szene beschreibe, wie das Orchester bei Stromausfall im Dunkeln einfach weiterspielt, öffnet sich sein Mund. Er gähnt.
Ich versuche es nicht persönlich zu nehmen und schwärme von der Kraft der Musik, denn darum geht es in dem Dokumentarfilm «Kinshasa Symphonie».
Schneider schielt in die Zeitung.
Als ich ihm sage, dass mir die Tränen kamen, weil mich der Wille der Menschen, die in diesem Orchester spielen, so berührte, reicht er mir ein Taschentuch. Dabei weine ich doch nicht jetzt, das war vorher, im Kino!
Ganz klar: Schneider interessiert das alles überhaupt nicht. Wahrscheinlich weil der Film zu friedlich für ihn ist.
Ohne Puff und Peng zuckt er nicht einmal mit der Wimper. Ich schaue ihn an, dann sage ich: «Und am Schluss ist das ganze Orchester mit einer Raumfähre weggeflogen und James Bond sass am Steuer ...» Immerhin blickt mich Schneider jetzt mal an.

Steven Schneider: Schreiber gibt sich immer wieder mal kulturell sehr interessiert. Jetzt zum Beispiel. Sie war in Zürich im Kino und erzählt mir nun haarklein von einem Cello, das einer in Kongo aus Holz selber baut, weil man im Kongo keine Celli kaufen kann.
Ist ja auch kein typisch kongolesisches Instrument, finde ich, aber sagen tu ich nichts. Wer weiss, das könnte sie schlecht aufnehmen.
Nun beschreibt sie eine Frau, die Querflöte übt unter freiem Himmel, denn in ihrer ärmlichen Hütte gibt es kaum Licht. Das ist bestimmt sehr bewegend und berührend, wenn man es grossformatig auf der Leinwand sieht.
Wenn mir Schreiber das erzählt, ist es irgendwie eher, nun, wie soll ich sagen ... oah, ich muss gähnen.
Sie redet einfach weiter.
Meine Zeichensprache nützt gar nichts. Was soll ich tun? Ihr sagen, bitte hör auf, ich ermüde in Rekordtempo, wenn mir jemand den Inhalt von Filmen erzählt, denn Filme sind nun mal zum Sehen da? Ich, der nur wegen James Bond ins Kino renne, greife zur Notlüge: «Bitte nicht weitererzählen, Liebste, ich will mir den Film doch auch noch anschauen.»
Sie steht auf.
«Wohin gehst du?»
«Tickets für dich und mich reservieren.»

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 16:14 Uhr

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