Knallhart männlich

Steven Schneider: Die Zukunft ist weiblich, da mache ich mir keine Illusionen. Das männliche Prinzip hat ausgedient. Jedoch: Es gibt noch Nischen. Ich stecke gerade in einer ...
Während ich den Reissverschluss meiner neuen schwarzen, absolut urbanen, atmungsaktiven Jacke hochziehe, frage ich mich, was aus mir geworden wäre, wäre ich nicht mit Schreiber zusammengekommen.
Würde ich Teil einer Männerclique sein, in der sich alles um Motoren, Ehre und Freundschaft dreht? Wo wir gemeinsam gegen Krawatten und für die Gerechtigkeit kämpfen? Wo Kraft mit Saft und nicht mit Gewalt gleichgesetzt wird? Wo AC/DC aus den Lautsprechern kreischt und die harte Schale völlig in Ordnung ist – aber der weiche Kern ebenso, und wo man trotzdem die Tränen runterschluckt, weil das einfach männlicher ist als loszuheulen?
Ich kneife die Augen zu, fahre über die Taschen und schliesse die Druckknöpfe an den Handgelenken.
Was für ein Leben, in dem alles möglich wäre, wo Probleme nicht diskutiert, sondern gelöst werden, wo nicht Nesthocken, sondern ständiges Unterwegssein die Existenz definiert?
Ich fühle mich gut, und was ich im Spiegel sehe, ist knallharte Männlichkeit.
Zumindest, was die Jacke betrifft.

Sybil Schreiber: Mein Bruder ist Modefotograf. Neben Modeaufnahmen in Kapstadt mit jungen Models fotografiert er auch richtig teure Motorradbekleidung an starken Typen. Weil er meinem Schneider eine Freude machen wollte, hat er ihm als Nachweihnachtsgeschenk eine Motorradjacke vom Feinsten geschickt.
Schneider, der nicht mal die Motorradprüfung hat, würde sich nie im Leben so etwas kaufen. In dem Augenblick aber, in dem er sie zum ersten Mal anzieht, verändert er sich: Bilde ich mir das ein oder bewegt er sich lässiger, mit betont breiten Schultern und langsamem Gang?
Mein lustiger kleiner Schneider mutiert in dieser Jacke zu einem halbstarken John Travolta.
Ich bin sicher, dass er allen, denen er an diesem Tag begegnet, von seiner Jacke vorschwärmt und ich bin mir nicht sicher, ob er sie irgendwann wieder ausziehen wird.
Abends jedenfalls kommt er zur Tür hinein, dreht eine breitbeinige Runde durch die Küche, geht locker auf die Toilette und landet schliesslich bei mir im Wohnzimmer, alles in seiner Jacke. «Zum Duschen kannst du sie ja dann ausziehen», rate ich meinem Möchtegern-Macker. Er schlägt den Kragen hoch: «Baby, mit dieser Jacke dusche ich eiskalt – sie ist wasserdicht.»

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 16:25 Uhr

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