Ständig unterwegs

Sybil Schreiber: Einmal mehr sitze ich vor meinem Computer, nur kurz, denn die Kinder sind daheim. Ich suche nach einem Rezept für Sellerie, schaue aber vorher kurz, wie die Schneeverhältnisse im Schwarzwald sind. Ach, und auf unserer Facebook-Seite könnte ich doch mal wieder einen Beitrag zu unserem neuen Kolumnenbuch schalten.
«Mama?»
«Ja?»
«Wir haben Hunger.»
Ich schäle ihnen flott eine Orange und schwupps, sitze ich wieder vor dem Bildschirm. Sellerieschnitzel, Waldorf-Salat ...
«Pling!» Eine Mail. Von wem wohl?
Der Newsletter von «Federwelt». Ich hätte Lust zu lesen, lauter spannende Themen aus der Welt des Schreibens, aber ich verschiebe das auf später, ich wollte doch was anderes suchen. Bloss was?
Wie hypnotisiert surfe ich von hier nach dort, entdecke einen witzigen Link zu Knollengewächsen und Klatsch über Jude Law ...
«Mama?»
«Gleiheich ...» Ich klicke mich weiter durchs Netz, jage von Seite zu Seite … wo war noch mal der Selleriegratin? Irgendwie habe ich mich im tiefsten Daten-Dschungel verirrt.
«Mama?»
«Ja?»
«Machst du was mit uns?»
Ich stutze, verstehe, sage der grossen weiten Welt Adieu, schalte den Computer aus und kehre in meine kleine – dafür echte – Welt zurück.

Steven Schneider: Ich sitze im Büro vor dem Computer und denke an einen Geschäftspartner, der gesagt hat, er ärgere sich, seine Zeit im Internet zu verschwenden. Vor lauter Herumsurfen komme er kaum mehr zum Arbeiten. Geht mir gleich.
Bin unnötig viel online! Muss ich mich sorgen? Vielleicht.
Mal sehen, was das Web für Antworten gibt – ist zwar paradox, aber eben…
Zwei Stunden später, nach überraschend konzentriertem Schreiben, fällt mir auf, dass ich schon lange nichts mehr von Schreiber gehört habe.
Seltsam.
Ich rufe zu Hause an: «Hast du meine Mail nicht bekommen, die ich dir vor zwei Stunden geschickt habe?»
Diese blöde Frage ist der Beweis, dass ich ein «Digital Immigrant» bin, nämlich vor 1980 geboren und nicht in der digitalen Welt aufgewachsen wie die «Digital Natives», die digitalen Eingeborenen.
Nur Leute wie ich schicken eine Mail und rufen hinterher an, ob sie angekommen sei. Das weiss ich aus dem Internet.
«Der Computer ist nicht an.»
«Du warst die letzten Stunden nie im Mail?»
«Die Mädchen und ich malen ein Bild.»
«Mailen?»
«Nein, wir MALEN.»
«Super!» Ich freue mich.
«Warum fragst du? Hast was Wichtiges geschickt?»
«Ja, einen aufschlussreichen Link über Internetsucht.»

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 16:27 Uhr

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