Es bewegt sich was

Steven Schneider: Ich habe eine Seite im Internet gefunden, auf der man den Grad seiner Internetsucht abfragen kann. 20 Testfragen reihen sich aneinander.
Zum Beispiel: «Mein Umfeld beschwert sich, dass ich zu lange online bin.» Die zur Verfügung stehenden Antworten lauten: a) trifft fast nie zu; b) trifft manchmal zu; c) trifft fast immer zu. Ich nehme Antwort b; Schreiber hat sich auch schon beklagt.
«Ein Leben ohne Internet wäre fad und leer.» Was für ein Blödsinn!
«Wenn mich jemand beim Surfen stört, ärgere ich mich.» Hm, kommt vor.
Am Schluss zähle ich 42 Punkte, was mir nicht viel scheint, aber die Beurteilung lässt mich schlucken: «Bei Ihnen nimmt die Internetnutzung grossen Raum ein. Sie haben vermutlich bereits Probleme mit der Umwelt und Ihre früheren Alltagsaktivitäten stehen hinter dem Internet zurück. Bemühen Sie sich aktiv darum, mehr Zugang zur realen Welt zu erlangen. Treffen Sie sich mehr mit Freunden oder treiben Sie Sport. Die Befriedigung ist ungleich grösser und Sie tun etwas für Ihr seelisches und körperliches Wohlbefinden.»
Nana!, denke ich und blicke aus dem Bürofenster. Es regnet.
Trotzdem: mir scheint, ich sollte wieder mal rennen gehen.

Sybil Schreiber: Schneider sitzt keuchend auf der Holzbank vor unserer Haustüre. Dampf steigt von seinem nassen Traineroberteil auf. «Ich bin erschrocken», sagt er mit hochrotem Kopf. «Dass deine Kondition nachgelassen hat?» «Das auch.» «Dass du über den Winter etwas viel Speck angesetzt hast?»
«Auch, ja», sagt er, während er sich den Schweiss von der Stirn wischt.
«Nein, ich surfe viel zu viel im Internet. Weisst du, ich könnte den halben Tag auf Wikipedia 100 hochinteressante Artikel lesen.» Jetzt erschrecke ich: «Ist es das, was du im Büro machst?»
«Nicht nur. Aber zu viel. Ich finds zwar interessant – aber was nützt es zu wissen, dass 1761 der Paläobotaniker Sternberg in Prag geboren wurde und sich von der biblischen Vorstellung eines vorsintfllichen Lebens distanzierte?»
«Paläo was? Ich fasse es nicht, womit du deine Zeit totschlägst!» Er zuckt mit den Schultern: «Mir passt das auch nicht.»
Da Selbstkritik der erste Schritt zu Weiterentwicklung ist, muss ich Schneider unterstützen: Ich hole mein Portemonnaie und gebe ihm eine 50er-Note: «Hier, ein Zustupf für neue Joggingschuhe. Du gefällst mir besser schwitzend auf der Bank als hilflos im Netz zappelnd.»

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 16:28 Uhr

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