Gastgeber Schneider

Alles im Leben hat einen Haken.

Sybil Schreiber: Wie nett! Unser Feriengast lädt uns zum Essen in die «Schreibsuite» ein. Schneider ist aus dem Häuschen, als ob er sein liebstes Spielzeug jemandem ausgeliehen hätte und nun unbedingt will, dass es der andere genauso liebt wie er selber.
Aber es stimmt schon: Er hat viel gerackert, damit aus dem alten «Hirschli» etwas Schönes wird – für meinen Geschmack betont er das zwar etwas zu sehr.
Er prahlt, dass er nun nicht nur Gastgeber, sondern auch dazu gleich fähiger Handwerker geworden sei. Was ich bezweifle. Aber natürlich nicht laut vor einem Gast.
«Es ist mir peinlich», sagt diese Dame auf einmal, «ich muss Ihnen etwas Unangenehmes zeigen.» Schneider blickt bestürzt drein. Wir gehen ins Schlafzimmer, wo eine altertümliche Hakenleiste an der Wand hängt. Als hätte das Teil keinerlei Gewicht, zieht es unser Gast mit einer Hand aus der Wand heraus. Dahinter gähnen grosse Löcher.
«Als ich zum ersten Mal was drangehängt habe, ist alles runtergekracht», sagt sie. Ich blicke auf die vier kurzen, dünnen Schrauben, die aus der Rückseite der Garderobenleiste ragen. So etwas hält nie, das sehe ich sofort! Schneider schüttelt den Kopf: «Die Wände sind so etwas von brüchig.»
Ach, die Wände!

Steven Schneider: Endlich Gastgeber! Als 15-Jähriger wollte ich Hotelier werden – jetzt, nach 30 Jahren, bin ich am Ziel: Ich beherberge Gäste! Und ganz nebenbei bin ich auch zum fähigen Handwerker geworden: Wir sitzen in der ehemaligen Backstube aus dem Jahre 1750, die sich nun frisch geweisselt und mit hell lasiertem Tannenriemenboden zum Esszimmer gewandelt hat. Das Mobiliar von anno 1935 habe ich eigenhändig geschliffen, grundiert und lackiert!
Auf diesem Tisch steht eine Käseplatte mit dampfenden Gschwellti. Wie schön!
Wir sind zu Gast bei unserem Gast in der «Schreibsuite». Das freut mich enorm, denn die Ferienwoche hatte zu Beginn einen Haken: Die Heizung war ausgestiegen. Bis diese repariert war, verbrachte ich wache Nächte beim Gedanken an einen jämmerlich frierenden Feriengast.
«Das Elektro-Öfeli gab Ihnen also genug warm?», frage ich, und die gepflegte Dame nickt lächelnd. Ich atme auf. Ein wunderbarer Gast, sehr kultiviert und inspirierend. Und was für ein köstliches Mittagessen!
Während ich den höhlengereiften Gruyère geniesse, merke ich, dass ich für die neue Aufgabe des Gastgebers und Hauswarts durchaus manch andere an den Nagel hängen würde.

Hirschlibilder und Schneiders lackierte Möbel: www.schreibsuite.ch und bei Facebook, Stichwort «Hirschli»

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 16:42 Uhr

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