Die Göttigattin

Ohne sie ist er nur ein halber Götti.

Steven Schneider: Ich verfolge den Weg gedanklich zurück: Da waren mal ein Päckchen und ein leerer Adresskleber. Genau. «Ich erinnere mich, die Adresse notiert zu haben. Habe ich das zu Hause gemacht? Oder im Büro?» Schreiber hört achselzuckend zu. Ich recherchiere in Gedanken weiter – und komme auf Abwege: Götti sein ist ja etwas Besonderes. Etwas Ehrenhaftes. Etwas Wichtiges.
Ich sehe mich als erwachsener, weiser Freund von einem Kind, als jemand, der tolle Sachen unternimmt und vielleicht sogar mal ein echter Kumpel wird, eine Vertrauensperson, mit der man wichtige Dinge bespricht.
Ich werde meinem Göttibub auch irgendwann Hesses «Siddharta» zu lesen geben, mein Lieblingsbuch, und mit ihm eine Bergtour machen. Ich freue mich.
Wenn nur nicht diese Schenkerei wäre. Ich schaffe es ja schon nicht, meiner Frau originelle Geschenke zu machen. Wie soll ich das dann bei einem Kind, das noch nicht mal reden kann?
Schreiber dringt zischend in meinen gedanklichen Exkurs ein: «Hiermit kündige ich meinen Job als Göttigattin. Kümmere dich in Zukunft selber um die Geschenke!»
Jetzt habe ich wirklich ein Problem: Ohne Schreiber bin ich als Götti so verloren wie dieser Taufbecher!

Sybil Schreiber: Es gibt Dinge, an die denke ich fast täglich: Dinge, die nicht erledigt sind. Noch schlimmer: Ich denke sehr oft an Dinge, die andere erledigen müssten. Schneider zum Beispiel.
Er ist Götti, – für sein Patenkind aber habe ich das Geschenk besorgt, einen silbernen Taufbecher. Da für den Tauftermin die Gravur nicht mehr reichte, nahmen wir ihn noch einmal mit nach Hause, um das erledigen zu lassen. Ich brachte ihn zum Goldschmied und suchte eine schöne Schrift aus. Dann packte ich den Becher hübsch ein, legte ein Kärtchen dazu und übergab alles Schneider.
Er musste nur noch unterschreiben, die Adresse heraussuchen und das Päckchen zur Post bringen. Das war vor längerer Zeit: «Sag mal, haben sie sich gefreut?», will ich jetzt deshalb wissen.
«Wer?»
«Deine Göttifamilie.»
«Worüber?»
«Über den Taufbecher. Gefällt ihnen die Gravur?»
Schneider kräuselt die Stirn: «Woher soll ich das wissen.»
«Weil du ihn vor zwei Monaten an sie geschickt hast.»
«Ich?»
«Hättest du jedenfalls tun sollen!»
Gibt’s das?! Wie kann jemand so schusselig sein? Ich vergesse keinen Geburtstag, kein Geschenk, – Schneider vergisst alles! Vermutlich auch, wohin er den Taufbecher verlegt hat!

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 16:46 Uhr

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