Weise Art und Weise

«Recht» und «richtig» unterscheidet Welten.

Steven Schneider: Schreiber kehrt spät aus Zürich zurück. Es ist schon dunkel, sie tritt ins Zimmer, setzt sich auf die Bettkante und fragt: «Was macht der Rücken?»
«Ach», ächze ich. Jeden Abend denke ich: Morgen wirds besser. Fehlanzeige bisher. Echt ärgerlich!
«Schlimm?»
«Ja!»
«Und du willst nicht zum Arzt?»
«Was bringt das schon. Dein Vater sagte immer: ‹Mit Arzt dauert es sieben Tage, ohne eine Woche›. Er hat doch recht, oder?»
«Richtig. Jetzt sind es zwar drei Wochen, aber das wird schon wieder.»
Ich stutze. Sonst ist sie doch immer voller Sorge. «Meinst du?», frage ich nach.
«Klar. Ist doch noch immer vergangen, oder?»
«Äh, ja. Du findest auch, dass ich nicht zum Arzt soll?»
Sie meint leichthin: «Du willst nicht, oder? Also brauchst du dich auch nicht dorthin zu quälen.»
«Und wenn es doch nicht bessert?», frage ich vorsichtig.
«Ist nur eine Frage der Zeit, bis die Schmerzen vergehen, sagst du immer. Du hast vollkommen recht», erklärt sie, gibt mir einen Kuss und steht auf.
«Gute Nacht», sage ich und drehe mich ächzend auf die Seite. Demonstrativ lauter als notwendig. Tut nämlich wirklich sauweh. Vielleicht rufe ich morgen früh den Arzt an, nur so zur Sicherheit.

Sybil Schreiber: Eine alte Dame setzt sich mir im Tram gegenüber, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und sagt: «Der Wind. Nicht, dass Sie denken, ich weine.»
Ich lächle und sage nicht, dass ich daran gedacht habe, dass Schneider seit drei Wochen Rückenweh hat und einfach nicht zum Arzt will.«Wissen Sie», fährt die Frau fort, «eigentlich habe ich Grund zu feiern. Mein Mann hat einen Herzinfarkt überlebt.»
Ich blicke sie freundlich an.
«Er sass am Tisch und die Tasse fiel ihm aus den Händen. ‹Mach dir keine Sorgen›, hat er gesagt, und genau das Gegenteil habe ich: mir Sorgen gemacht.»
«Verstehe ich.»
«Dann sagte er: ‹Ruf bloss nicht den Arzt›. Und wissen Sie, was ich geantwortet habe? ‹Aber sicher, mein Lieber, das mach ich nicht›.» Sie lächelt: «Natürlich habe ich sofort die Sanität verständigt. Die machten mir ein Kompliment und meinten, dass mein Anruf sein Leben gerettet hätte.» Sie beugt sich vor: «Wissen Sie, ich bin 50 Jahre verheiratet, da weiss ich, auf welche Weise ich mit meinem Mann umgehen muss: Ich gebe ihm recht - und tu dann, was ich für richtig halte. Männer merken das gar nicht.» Sie strahlt schelmisch.
Eine sehr, sehr weise alte Dame!

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 16:49 Uhr

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