Gegen den Strom

Sie sieht die Dunkelheit und er riecht die Nacht.

Steven Schneider: Ich lege meinen Arm um Schreiber und frage: «Warum sitzt du hier im Dunkeln? Mach' dir doch Licht!»
«Ich spare Strom. Ausserdem ist es schön, im Dunkeln zu sitzen.»
«Du sparst Strom?»
«Ja, ich will weniger Energie verbrauchen. Echt, es ist mir ernst. Ich will keine AKWs mehr.»
«Ich würde jetzt trotzdem gerne meine Zeitung lesen.»
«Heute eben nicht.»
«Du wirst jetzt nicht fanatisch oder so?»
«Keine Sorge, aber ein Strom-sparabend ist ein einfacher Beitrag. Ich versuche ab jetzt, einmal in der Woche auf Strom zu verzichten. Nicht fanatisch, aber regelmässig. Ich werde dann nicht kochen, nicht duschen, kein Radio hören. Das schärft das Bewusstsein.»
Aha. Schreiber und ihre Ideen. Wobei: Ich erinnere mich gerne an die autofreien Sonntage, als wir Buben auf dem Velo endlich mal in der Strassenmitte fahren durften. Verzichten hat durchaus seinen Reiz: Man betritt eine neue Welt, ohne mit dem Flugzeug in die Ferne zu reisen.
Schreiber nimmt mich an der Hand und führt mich in den Garten.
«Etwas dunkel, um mir Blumen zu zeigen, findest du nicht?»
«Richtig. Aber man riecht besser, wenn nichts zu sehen ist.»
Tatsächlich. Mmhhh. Der Flieder!
Was für ein Glücksmoment im Dunkeln! «Ich werde heute kein Licht anmachen.» «Verzichten hat durchaus seinen Reiz.»

Sybil Schreiber: Ich liebe es, den Tag mit einer stillen Runde durch unseren Garten ausklingen zu lassen. Ich staune über die Pfingstrosen, die wie aus dem Nichts aus der Erde drängen, über unseren Quittenbaum, der in einem Anfall von Lebensfreude geblüht hat wie noch nie. Ich staune und bin unendlich dankbar! Wieder ein Tag in meinem Leben in Frieden und ohne Not. Es beschämt mich beinahe, wie gut es uns hier geht. Ich wünsche allen Kindern, dass sie wie unsere Kinder leben können, relativ sicher, satt und gemeinsam mit ihren Familien. Es macht mich traurig und klein, wenn ich an Japan oder an die arabischen Länder denke. Was die Menschen dort Schlimmes erleben, übersteigt meine Vorstellungskraft.
Das Wichtigste, denke ich, und werde vom zarten Fliederduft ermahnt, das Wichtigste ist, dass wir umdenken, dass wir nicht immer noch mehr wollen, dass wir das Naheliegende schätzen. Ich halte inne, atme ein, schaue zum Abendhimmel und beschliesse: Ich will weniger Schaden anrichten.
Konkret: Ich werde heute Abend kein Licht anmachen - und dafür spüren, wie sich der Tag verabschiedet.
Ich gehe ins Haus und setze mich aufs Sofa. Die Dämmerung umarmt mich.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Dienstag 21.06.2011, 16:51 Uhr

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