Katzen lieben die Freiheit, aber so ganz ohne die Hilfe – und vor allem das Futter – der Menschen ist das Überleben in der Wildnis nicht einfach.

Der Preis der Freiheit

Ein Kater wird in die Praxis gebracht. Wahrscheinlich hatte er einen Autounfall. Der magere Streuner sieht schlecht aus. Es ist fraglich, ob er durchkommt.

Das Telefon läutete und eine Frauenstimme meldete, dass eine verletzte Katze in ihrem Garten liege. Wie immer war es Freitagabend und das Stras- senverkehrsamt (zuständig für verunfallte Katzen) arbeitete erst am Montag wieder. Da die Katzen mit den Unfällen sich nicht an Bürozeiten halten, rückten wir aus und holten sie. Es war ein magerer, grosser Kater. Wir vermuteten, dass er aus einem umliegenden Bauernhof zugewandert war. Er sah schlecht aus, wir versorgten ihn und meldeten ihn bei der kantonalen Tier-Meldestelle. Er musste vor einigen Tagen einen Autounfall gehabt haben. Auch hatte er seit Längerem weder getrunken noch gefressen. Wahrscheinlich hatte er sich endlich mit letzter Kraft in diesen Garten geschleppt.

Die Finderin sagte mir, sie sehe diese Katze seit längerer Zeit in der Gegend herumstreunen. Sie fresse mal da, mal dort und schleiche sich für ein Mittagsschläfchen auch mal in eine Wohnung hinein. Ich untersuchte sie. Da war leider kein Chip vorhanden. So hätte ich den Besitzer gleich wiedergefunden. Ein Halsband aber hatte sie um den Hals, gut versteckt unter dem dichten Fell. Schnell untersuchte ich es. Mit winziger Schrift standen ein paar Zahlen darauf. Ich wählte diese Nummer. Da sie falsch war, wählte ich alle ähnlichen Nummern, bis endlich jemand abnahm. «Guten Tag, vermissen Sie eine Katze?» Am anderen Ende der Leitung war ein langes Schweigen. Ich meinte schon, wieder eine falsche Nummer gewählt zu haben, als ich ein überraschtes «Ja» hörte. Offensichtlich war die Katze vor vielen Monaten ausgerissen. Die Besitzer hatten sie nirgends gefunden und deshalb nach mehreren Monaten für tot gehalten.

Ich musste sie gleich nochmals enttäuschen. «Sie lebt knapp noch, doch leider muss ich sie einschläfern». Arme Besitzerin. Ihr Kater war offensichtlich durch mehrere Dörfer und über einen Hügel gewandert. Dann hatte er sich in einem Wohnquartier durchgemogelt. Es war uns ein Rätsel, wieso er nicht wieder nach Hause gegangen war. Es gibt wohl Katzen mit sieben Leben, aber diese starb zwei Mal.

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Keystone
Veröffentlicht:
Montag 21.05.2012, 18:00 Uhr

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