Ausgehoppelt

Befriedigt entsorgt er, was er dann verzweifelt wieder besorgt.

Sybil Schreiber: Ich freu mich schon den ganzen Tag auf mein köstliches Betthupferl. Nein, nicht auf Schneider aus Fleisch und Blut, sondern auf meinen Osterhasen aus Kakao und Zucker.
Genauer gesagt auf seine Ohren, den Rest habe ich in den letzten Wochen bereits verdaut. Die Ohren aber habe ich mir für den Schluss aufgespart, denn sie sind die Krönung.
Wie die Bäckchen bei der Forelle oder die Spitzen am Spargel. Gourmets wissen das.
Ich öffne den Süssigkeitenschrank und greife – ins Leere. Der Teller mit den Ohren ist weg. Ich schau hinter den Kochbüchern, mein bestes Versteck für Süsses – nichts!
Schneider sitzt im Wohnzimmer. Ich eile atemlos hin: «Hast du zufällig meine Ohren gegessen?»
Er sieht von einem Buch auf und fragt: «Deine?»
«Nein, die von MEINEM Hasen!»
«Ach die! Ich kann wirklich keine Schokolade mehr sehen! Habe sie in den Abfall geschmissen, lagen ja schon seit Tagen auf einem Teller herum. Zu viel Zucker ist ungesund.»
Zwar bin ich sicher, dass er witzelt, ziehe aber trotzdem den Mülleimer unterm Waschbecken vor. Welch schauerlicher Anblick: niedliche Schokohasenohren im Unrat!
Na, warte! Noch nie mutierte eine Nasch- so rasch zur Raubkatze!

Steven Schneider: Man könnte meinen, in unserem Garten würden Eier wachsen: So habe ich letztes Jahr im Juli ein glitzrig grün eingepacktes Schoggiei zwischen zwei rot blühenden Malven gefunden. Überbleibsel von Ostern 2011, als Schreibers Bruder aus München auf Besuch war und eine halbe Tonne Schokolade im, unter, auf und um das Haus herum versteckte.
Ostern 2012 genau dasselbe: Schokolade ohne Ende und zahllose Wochen Osterhasenschmaus. Nicht zum Aushalten!
Mir war natürlich klar, ein Risiko einzugehen, als ich die seit Tagen auf einem Teller liegenden, vermutlich letzten Schoggihasenohren entsorgte. Aber es war auch befriedigend. Nun die Quittung: Schreiber auf zornigem Entzug.
Sie baute sich mit blitzenden Augen vor mir auf und stiess ein bedrohliches Knurren hervor. Ich begriff: Ich musste handeln. Sofort.
Jetzt hoffe ich inbrünstig, dass der Chef der Supermarktfiliale im Lager fündig wird. Endlich geht die Tür auf, er tritt heraus, in der Hand zwei winzige Schoggihasen: «Sind übrig geblieben», meint er. «Schenke ich Ihnen.»
Er ahnt nicht, wie viel mir die kleinen Tierchen wert sind. An ihnen hängt mein Ehefrieden – nicht bis nächste Ostern, aber wenigstens für heute Abend.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Freitag 18.05.2012, 11:28 Uhr

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