«Ich kaufe in der Schweiz ein»

Jeroen van Rooijen ist der Stilpapst der NZZ und auf Radio DRS3. In seinen Stiltipps lässt er sich aus über richtige Kleidung, angemessenes Verhalten und «No-Gos» wie Dreiviertelhosen und Handyhüllen.

Coopzeitung: Die wichtigste Frage zuerst: Was ist Stil?
Jeroen van Rooijen: Der individuelle Ausdruck der Lebensart. Es gibt nicht den einen Stil, auch nicht den richtigen oder falschen Stil. Stil ist der Wille, sich selber und seine Umwelt in Szene zu setzen.

Hat Stil mit Geld zu tun?
Das meinen viele, ist aber nicht so. Sonst hätten ja alle, die reich sind, viel Stil, und das ist nicht der Fall. Jemand kann mausarm sein und viel Stil haben. Man kann sich mit viel Geld natürlich leichter ein Arsenal an stylishen Statussymbolen zulegen. Aber das ist noch nicht per se guter Stil.

Dennoch: Wer Dinge unter dem Label «Stil-» verkauft, verkauft sie teurer. So entsteht doch der Eindruck, Stil habe mit Geld zu tun.
Das stimmt dann, wenn es besondere Dinge sind. Besonders, weil sie gut und sorgfältig, vielleicht in Handarbeit gemacht sind. Solche Produkte sind oft teurer, weil viel Arbeit drinsteckt. So ist es nachvollziehbar, wenn etwas Stilvolles teuer ist. Eine  Massenware, die einfach teuer ist, weil sie grad Mode ist, ist «Bschiss». Aber ich bin mir bewusst: «Bschiss» ist die Hälfte des Ästhetik-Gewerbes.

Wo kaufen Sie ein?
Ich kaufe gerne in der Schweiz ein. Ich finde es nicht schick zu sagen, dass ich etwas in Konstanz oder Waldshut günstiger gekauft habe. Ich finde, so versündigt man sich an der eigenen Gesellschaft.

Der Preis ist bei Ihnen zweitrangig. Stimmts?
Ich kaufe selektiv ein. Und wenn ich etwas kaufe, will ich etwas Gutes. Das darf seinen Preis haben. Anzüge lasse ich je länger desto öfter nach Mass machen. Der Mehrwert rechtfertigt für mich den Mehrpreis, gerade, wenn man nicht die perfekte Figur hat. Schuhe kaufe ich gerne bei Marken, die ihr Handwerk verstehen.

Das kann sich nicht jeder leisten. Von welchen Preisen reden wir hier?
Ich habe Turnschuhe für 20 Euro und geschnürte Schuhe für 1000 Euro im Kasten. In der Summe gibt das einen ordentlichen Mittelwert. Ein vernünftiges Paar Schuhe bekommt man als Mann ab 300 Franken.  

So viel Geld geben die wenigsten aus.
Ja. Die Erkenntnis, wie viel der durchschnittliche Schweizer kauft, schockiert mich immer wieder. Zum Beispiel zwei Unterhosen pro Jahr.

Nur?
Der Gedanke ist nicht grad erotisierend, nicht wahr?

Ihre Kolumnen sind sehr beliebt, auch andere Medien haben solche Formate. Geht uns eine gewisse Stilsicherheit ab?
Die Leute haben ein grosses Informationsbedürfnis in diesem Bereich. Sie interessieren sich für Stilfragen und suchen Sicherheit, das Richtige zu tun.

Das Ganze hat viel Unterhaltungswert. Muss man alles ernst nehmen?
Natürlich meine ich alles ernst, was ich schreibe, aber nie absolut. Ich versuche Tipps zu geben. Stilfragen sind immer Ermessensfragen. Wenn jemand das anders machen will, soll er. Ich bin Holländer und von Natur aus tolerant.

Wie kommt ein Holländer dazu, uns Schweizern gutes Benehmen beizubringen?
Das ist tatsächlich die ungeeignetste Herkunft für Stilfragen, weil die Holländer als die biersaufenden Barbaren Europas gelten. Aber ich bin in meiner Prägung mehr Schweizer als Holländer, da hier aufgewachsen. Mein Name ist halt ein bisschen komisch.

Sie sind nicht Schweizer?
Ich hätte nichts dagegen, Schweizer zu sein. Ich finde die Schweiz den besten Ort für Design, Ästhetik und Mode. Wir haben hier noch einen Rest von gelebter Qualitätskultur. Die Menschen sind sich bewusst, dass die Sachen manchmal halt ihren Preis haben oder dass es besser ist, zum lokalen Handwerker zu gehen.

Kommen mehr Fragen von Frauen oder von Männern?
Von Männern. Ich glaube, dass Männer unsicherer sind und zugleich stärkeren Konventionen ausgeliefert sind. Sie haben auch nie gelernt, jemanden zu fragen.

Gibt es kulturelle Unterschiede?
Oh ja. Vieles ist schon in französisch- oder italienisch-sprachigen Gegenden stark anders, seien es Verhaltensfragen oder Hosenlängen. Die richtige Hosenlänge für Männer kann um fünf Zentimeter abweichen. Der Italiener trägt die Hose eng und figurbetont und so kurz, dass man noch etwas von den Socken sieht. Der Engländer trägt sie dagegen eher grosszügig. Die Schweizer tragen ihre Hosen auch tendenziell eine Nummer zu gross.

Was sind heute stilistische «No-Gos»?
Dächlikappen. Das geht bei kleinen Buben oder auf dem Golfplatz, aber nicht bei erwachsenen Männern. Dann Kurzarmhemden, weil sie meist falsch eingesetzt werden. Die kann man nicht mit Krawatte oder Anzug kombinieren. Ein Graus sind mir Dreiviertelhosen. Darin sehen erwachsene Männer aus wie kleine Buben. Auch bei Frauen gibt es Scheusslichkeiten wie Leggins oder bauchfreie
T-Shirts. Handyhüllen sind auch so etwas Unnötiges.

Darf man in der Öffentlichkeit telefonieren und essen?
Im Gehen kann man schon mal telefonieren. Aber telefonieren im Lift geht nicht, in einem öffentlichen Verkehrsmittel auch nicht. Ein Sandwich auf einer Parkbank, im Zug oder auch im Gehen finde ich okay. Absolut unangebracht sind heisse, stark riechende oder tropfende Speisen in Tram, Zug oder Bus. Ein Hamburger stinkt durch den ganzen Wagen.

Sprechen Sie Leute auf ihr ungebührliches Verhalten an?
Es gibt Dinge, die sind heikel, zum Beispiel schlechter Atem oder Körpergeruch. Da kann auch ich nicht immer souverän reagieren. Aber ich bin auch nicht so streng. Wenn mir jemand sympathisch ist, aber in kurzen Hosen und Crocs kommt, trinke ich trotzdem ein Bier mit ihm.

Bekommen Sie Reaktionen?
Ja. Am empfindlichsten sind die Leserinnen und Leser, wenn man die Freiheit der Kinder einschränkt. Die sind scheinbar unantastbar. Ich finde das auch. Ich finde, dass Kinder bis ins Alter von 22 tun sollen, was sie wollen. Und anziehen, was sie wollen. Aber manchmal werde ich gefragt, wie das mit Kindern in einem Luxushotel sei. Da sage ich: Wenns irgendwie geht, lieber nicht. Dann finden mich die Leute unsympathisch.

Jeroen van Rooijen

«

Handyhüllen sind auch so etwas Unnötiges.»

Geboren: 5. Juli 1970 in Frauenfeld
Wohnort: Stammheim
Zivilstand: verheiratet, keine Kinder
Ausbildung: Modegestalter an der Schule für Gestaltung in Zürich. Über Radio Thurgau, Radio Zürisee, Radio 24, Annabelle und Bolero kam van Rooijen 2002 zur NZZ.
Hobbys: Rudern, Velofahren, Joggen und Campieren.
Aktuell: Jeroen van Rooijen: «Hat das Stil? 200 Fragen und Antworten zur kultivierten Lebensart», erhältlich im Handel oder für Fr. 38.50 (plus Fr. 5.– Versand) bei: www.coopzeitung.ch/shop

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
"Allure" von Diane Vreeland, eine Mode-Biografie.

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Tim aus "Tim und Struppi". Sowie Holden Caulfield aus "Der Fänger im Roggen".

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Menschen mit Courage, Witz und viel Stil.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
Das muss E.T. gewesen sein, ich gehe leider so selten ins Kino …

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
E.T.

Ihr Lieblings-Filmheld?
"Tuco", gespielt von Eli Wallach in "Zwei glorreiche Halunken".

Was für Musik hören Sie gerade?
Joan as a Policewoman.

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Paul Simon - Anthology

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Axl Rose von "Guns & Roses" – der kann sicher gut trinken!?

Was kochen Sie selbst?
Pizza, Pasta, Risotto, Suppen … und gerne!

Ihre Lieblingsspeise?
Linsensalat.

Ihr Lieblingsgetränk?
Ein dunkles belgisches Trappistenbier.

Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit meiner Herzdame Nina.

Und wo essen Sie am liebsten?
Im Restaurant Schiff in Mammern am Untersee.

Mac oder PC?
Airbook und iPad, dänk.

Auto oder Zug?
Zug für jeden Tag, Auto fürs Besondere.

Wein oder Bier?
Beides, in geeigneter Abfolge.

Pasta oder Fondue?
Pasta. Fondue vertrage ich nicht, danach bin ich drei Tage durcheinander.

Joggen oder Walken?
Joggen, etwa drei Mal die Woche, wenn's geht.

Berge oder Meer?
Meer – ich bin Holländer, die Weite behagt mir.

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Als ich Harry Belafonte in einem Radiointerview gehört habe.

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Mit Obszönitäten. Oder allzu ernst gemeintem Stil-Eifer.

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Ein Tapir hat sicher ein gutes Leben.

Wovon träumen Sie?
Mit dem Fahrrad dem Rhein entlang bis an die Nordsee zu fahren.

Was ist für Sie das grösste Glück?
Geliebt zu werden und gesund zu sein.

Kommentare (7)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 21.05.2012, 18:30 Uhr

Weiterempfehlen:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?