Tierhorten

Über „Messies", die zwanghaft Alltagsgegenstände sammeln und aufheben, bis die Wohnung völlig zugemüllt ist, kann man in den Medien des Öfteren lesen. Doch das „Animal Hoarding", das Sammeln von Hunden, Katzen oder anderen Tieren, ist ein noch kaum beachtetes Phänomen. Es unterscheidet sich jedoch grundsätzlich vom Beherbergen von Tieren, die sich in akuter Not oder Lebensgefahr befinden. Denn „hortende" Zweibeiner sind keine Tierschützer, sondern leiden an einer psychischen Krankheit.

Scheinbar unbemerkt von Nachbarn

„Am Ende hausten 15 Katzen in der Zweizimmerwohnung der älteren Dame von nebenan", berichtet Mitglied „Merlin" im coop-Forum „Tiere & Menschen". „Sie musste plötzlich ins Krankenhaus und da flog die ganze Sache auf." Die Büsis seien ebenso wir ihre Halterin verwahrlost und unterernährt gewesen. In diesem Fall konnten die Tiere nur durch einen Zufall entdeckt und dem „Tiere sammeln" durch das herbeigerufene Veterinäramt ein Ende gesetzt werden. Hinterher hätten die Hausbewohner heftig diskutiert, wie so etwas „ungesehen" passieren konnte, berichtet das Forumsmitglied. Tatsächlich hätten einige Nachbarn den strengen Geruch bemerkt, der aus der Wohnungstüre der Nachbarin drang, aber aus Diskretion nichts weiter unternommen. Wann sollte man als Tierfreund in einem Fall wie diesem eingreifen, ohne als „Denunziant" dazustehen?

Tierhorter zeigen keine Einsicht

„Leider dauert es immer sehr lange, bis der Amtsschimmel ins Galoppieren kommt und oft braucht es einige Telefone von Tierschützern, bis eingegriffen wird", stellt Forumsmitglied „taemi" fest. Taemi appelliert, in einem solchen Fall „den nächsten Tierschutz oder die Polizei zu informieren". „Tierschutzrechtlich relevant wird es, wenn die Tierschutzbestimmungen nicht mehr eingehalten werden, beispielsweise wenn ein Hund nicht mehr nach seinen Bedürfnissen regelmässig ernährt wird, keinen ausreichenden Auslauf mehr bekommt oder sonst vernachlässigt wird", erläutert Andreas Rüttimann von der Stiftung für das Tier im Recht. Ob Haustiere jedoch schlecht ernährt werden, nicht genügend Auslauf bekommen oder sonst nicht artgerecht gehalten werden, ist vor verschlossenen Türen nur schwer feststellbar. Oftmals verweigern „Tierhorter" ebenso wie „Messies" anderen den Zutritt zu ihrer Wohnung. Eine kleine Orientierung geben die am Ende des Artikels aufgeführten Kriterien, die eventuell Hinweise auf einen Fall von „Animal Hoarding" geben können.

Psychische Krankheit mit Realitätsverlust

Alarmierend ist in jedem Fall, wenn sich ein Tierhalter, der auf seine aus der Kontrolle geratenen Tierliebe angesprochen wird, uneinsichtig zeigt. Denn ein Tierhorter ist unfähig, die von ihm verursachten Misstände zu erkennen und sein Tun zu unterlassen. Dieses Phänomen wird als eine psychische und dringend behandlungsbedürftige Störung eingestuft, die sich durch unkontrolliertes Halten und Sammeln von Haustieren zeigt. In späten Stadien, so berichten deutsche Tierschützer, komme es zur völligen Verwahrlosung des Tierbestandes bis hin zu Todesfällen aufgrund mangelnder Versorgung.

Fälle sind hierzulande noch nicht dokumentiert
In den USA werden pro Jahr bereits über 1.000 Fälle mit hunderttausenden Tieren belegt. Hierzulande und in Deutschland gibt es bislang noch keine konkreten Zahlen. Doch es sei damit zu rechnen, dass die Anzahl von bekannt werdenden Fällen von „Animal Hoarding" ansteigen wird, warnt der Deutsche Tierschutzbund. Und „es wird noch viel Zeit und Arbeit in Anspruch nehmen, bis ‚Animal Hoarding' auch in Deutschland als Krankheit anerkannt wird", glaubt der Tierschutzbund. Selbst vielen Amtstierärzten sei das Syndrom als eine Krankheit bisher unbekannt. Auch in der Schweiz „wird die Diagnose ‚Tiersammler' so konkret noch nicht gestellt", konstatiert Eva Waiblinger vom Schweizer Tierschutz (STS).

 

So erkennt man erste Anzeichen von „Tierhorten"
Checkliste der Akademie für Tierschutz (Beetz, Gross, Wilczek, Deininger - Stand 05/08)

  • Es werden mehr als die durchschnittliche Anzahl Tiere gehalten (Anlehnung an durchschnittliche Tierhaltung in Deutschland: bis etwa drei Hunde, drei bis vier Katzen, etwa fünf Nager)
  • Es leben für das vorhandene Platzangebot zu viele Tiere in den Räumlichkeiten oder auf dem Gelände (vgl. Minimalanforderungen nach TSchG, nach Einschätzung eines Veterinärs)
  • Die Person zeigt trotz überdurchschnittlich hoher Tierzahl und zu geringem Raumangebot keine Einsicht, dass der Tierbestand reduziert werden muss

Typisches Profil eines „Tierhorters" (nach einer Zusammenfassung des „Public Health Report")

  • 76 Prozent der Tierhorter sind Frauen
  • 46% sind 60 Jahre oder älter
  • über 50 Prozent der Betroffenen lebt allein
  • In knapp 70 Prozent der Fälle ist der Boden des Wohnbereichs mit tierischen Exkrementen bedeckt
  • In Mehr als einem Viertel der Fälle befanden sich Kot und Urin sogar im Bett des Tierhorters
  • In 80 Prozent der Fälle wurden im Umfeld des Tierhorters auch tote Tiere gefunden von denen dieser in 60 Prozent der Fälle keine Notiz nahm

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Susanne Reininger

Tierexpertin

Veröffentlicht:
Donnerstag 23.06.2011, 14:18 Uhr

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