Auslegeordnung

Ihr stummer Vorwurf dröhnt in seinen Ohren.

Sybil Schreiber: Ich sitze allein auf der Veranda und geniesse den Feierabend. Sommergeräusche, Gelächter von nebenan, Musik aus einem offenen Fenster. In meinem Glas schwappt noch ein letzter Schluck Wein. War ein turbulenter Tag, lauter Kleinkram und wie so oft bin ich nicht fertig geworden. Ich sollte die Wäsche noch wegräumen. Da taucht Schneider neben mir auf, der vor mir nach oben gegangen war: «Das ist nicht fair», sagt er.
Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht. «Ich arbeite auch den ganzen Tag!», fährt er miesepetrig fort. Davon gehe ich aus, denke ich. «Du belagerst das Bett mit Kleidern! Dieser Wäscheberg schreit mich wie ein riesiger Vorwurf an.»
«Wie meinst du das?», frage ich.
«Warum sagst du nicht einfach: Ich schaffe es nicht allein. Das wär mir lieber als ein Mahnmal aus Stoff im Schlafzimmer!»
Sein Vorwurf ist unüberhörbar. Ich frage: «Willst du behaupten, ich hätte den Haushalt nicht im Griff?» Er ächzt. Ich stelle klar: «Du weisst ja gar nicht, was ich alles mache.»
Schneider nickt: «Da gehts dir wie mir!» Wunderbar. Dann sind wir also quitt.
Zur Versöhnung schlage ich deshalb vor: «Liebster, wir könnten doch noch rasch gemeinsam die Wäsche machen ...»

Steven Schneider: Seit einigen Jahren werden die Tage rund um den längsten Tag tatsächlich immer länger. Nicht wegen der Sonne, die spät untergeht, sondern wegen der vielen Arbeit. Es ist, als würde sich alles in diesen zwei, drei Wochen vor den Sommerferien aufstauen.
Im Geschäft geht es drunter und drüber, jeder will noch etwas, bevor es ans Meer geht. Immerhin war der Abschluss meines langen Tages versöhnlich: Ich sass mit Schreiber auf der Veranda und trank ein Glas Wein. Nun aber bin ich fix und fertig. Ich will nur noch ins Bett und schlafen.
Als ich jedoch das Schlafzimmer betrete, trifft es mich hart: Das Bett ist komplett belegt mit ungebügelten Kleiderbergen und Stapeln gebügelter Wäsche. Daneben steht wie eine Drohung das Bügelbrett. Ich bin bestürzt. Der Anblick erinnert mich an all die Dinge, die noch getan werden müssen in meinem Leben. Und das ist eine lange Liste.
Ein schauderhaftes Bild, das mich verfolgt: Ich hechle unentwegt Aufgaben hinterher, aber je mehr ich erledige, umso mehr tauchen auf. Es ist still, nur vor dem Fenster zirpt eine Grille.
Schreibers Botschaft ist jedoch laut und deutlich: «Auch zu Hause gibt es viel zu tun, pack also mit an!»

(Coopzeitung Nr. 24/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Mittwoch 06.06.2012, 17:06 Uhr

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