Bei drohender Gefahr (etwa einem Erdbeben) retten sich Katzen gerne mal auf hohe Möbel.

Angst vor Erdbeben

Tiere haben ein feines Gespür. Wenn die Erde bebt, nehmen sie das auch auf weite Entfernungen wahr. – Eine Katze klettert deswegen sogar aufs Bücherregal. Und verletzt sich dabei.

Die Katze miaute und versuchte, ihr Bein wegzuziehen. Ich hielt es im Klammergriff und bewegte vorsichtig das Knie. Es gab keinen Zweifel: die Kreuzbänder waren gerissen und auch das Seitenband war arg gedehnt. «Ihre Katze muss wohl vom Baum gefallen sein oder hatte einen Autounfall!», meinte ich. Die Besitzerin korrigierte mich: «Mizzi ist eine Wohnungskatze!» Ich konnte mir kaum vorstellen, wie eine Katze in einer Wohnung zu solch einem Unfall kam. Die Besitzerin erzählte: «Mitten in der Nacht hörte ich es rumpeln. Mizzi muss wohl versucht haben, auf das Bücherregal zu klettern. Das hat sie in all den Jahren nie gemacht. Dann fiel sie mitsamt dem Büchergestell um. Ein Tablar muss sie wohl getroffen haben!» Mizzi hatte genug vom Palpiertwerden. Sie fixierte mit starrem Blick meine Hände und ich konnte mich noch in letzter Sekunde vor ihren Krallen retten.

Da ihr Knie sehr instabil geworden war und es sogar ausgekugelt werden konnte, war eine Operation unumgänglich. Während ich Mizzi röntgte, um weitere Probleme an ihrem Knie auszuschliessen, dachte ich an das Erdbeben. Vermutlich hatte Mizzi Angst davor gehabt. Gerade Tiere verfügen über ein sehr feines Gespür dafür, selbst wenn die Beben so weit weg sind, dass wir Menschen sie nicht mehr wahrnehmen. Sogar bevor ein Erdbeben beginnt, fallen Tiere durch ihr verändertes Verhalten auf. Mizzi hatte versucht, sich in die Höhe, also auf das Büchergestell zu «retten». Nach der Operation durfte Mizzi sich längere Zeit nicht stark bewegen. Auch hatte sie ein Verbot, herunterzuspringen. Ich lieh der Besitzerin einen grossen Metallkäfig aus. Mizzi musste sich mit dem neuen «Haus» zufriedengeben. Eine kleine Hängematte mit Mini-Toilette und Liegekissen war jetzt ihre Bleibe für die nächsten sechs Wochen. Dann wäre ihr operiertes Knie wieder stabil genug, um auf Bücherregalen herumzuklettern.

Bevor ich nach Hause ging, schaute ich bei einer Freundin vorbei. Sie berichtete mir, dass sie nicht geschlafen hätte: «Meine Katzen versuchten die ganze Zeit, auf den Schrank zu klettern. Der Schrank aber geht fast bis zur Decke! So ein Verhalten haben sie nie gezeigt. Jetzt ist nicht nur der Türrahmen, sondern auch mein Schrank zerkratzt!» Ich nickte: «Ja, das Erdbeben. Wenn sie es wieder probieren, musst du gar nicht mehr das Radio anstellen, um zu erfahren, dass es wieder gebebt hat.»

(Coopzeitung Nr. 24/2012)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Keystone
Veröffentlicht:
Freitag 08.06.2012, 14:48 Uhr

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