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Pierluigi Tami (hinten) freut sich über die Leidenschaft, die seine U21-Spieler im Training zeigen und hofft, dass es ihm an der Olympiade nicht an Spielern mangelt.




Persönlich: «Alle profitieren von Olympia»

Persönlich. Schweizer Fussballer sind zwar nicht an der Euro 2012, dafür an den Olympischen Spielen dabei –
allerdings nicht die A-Nati, sondern eine Olympia-Auswahl. Trainer Pierluigi Tami stellt das Team dafür zusammen.

Coopzeitung: Besteht Ihre Vorbereitung auf Olympia mehr aus Telefonieren denn Trainieren?
Pierluigi Tami: Ja, die letzten Monate war viel Diplomatiearbeit gefragt. Nicht nur per Telefon. Ich war auch persönlich bei vielen Vereinen. Doch nicht nur das Spieleraufgebot bereitet viel Arbeit. Der SFV (Schw. Fussballverband, Anm. d. Red.) hat wenig Erfahrung mit Olympischen Spielen, die letzte Teilnahme war 1924.

Das war zugleich der grösste internationale Erfolg der Schweiz. Sie verlor zwar das Finale, wurde so aber inoffiziell Europameister.
In der Tat. Heute ist jedoch allein schon die Qualifikation für Olympia unglaublich schwierig. Nur vier europäische Teams nehmen teil.

Die Olympiade ist also das exklusivere Turnier als die Uefa-Europameisterschaft?
Es ist zudem vom Spielplan härter. Wir haben bestenfalls sechs Spiele in zwei Wochen. Wer am Ende das Turnier gewinnt, entscheidet nebst dem fussballerischen Können auch die Regeneration der Spieler.

Die Gruppengegner sind Mexiko, Südkorea und Gabun. Wie stehen die Chancen der Schweiz?
Mexiko ist sicher der stärkste Gegner. Mir gefällt der mutig offensive Stil des Teams. Gabun ist physisch sehr stark, Südkorea läuferisch.

Und die Schweiz?
Das kann ich erst beantworten, wenn ich weiss, wer spielt. (lacht) Ich kenne im Moment die gegnerischen Teams besser als unseres. Unser Ziel ist der Viertelfinal.

Viele der Leistungsträger, die die Olympia-Qualifikation geschafft haben, werden nicht dabei sein. Shaqiri, Xhaka oder Rodríguez werden von ihren Clubs kaum freigestellt werden.
Ah, ich hoffe schon! Aber klar, die Schweizer Liga läuft dann bereits, und Clubs wie Basel spielen um den Einzug in die Champions League. Das bringt Probleme für die Spieler, die Vereine und damit auch für uns. Aber die Chance auf Olympische Spiele hast du nur einmal im Leben. Das werden auch ein paar Vereine einsehen. Die profitieren ja auch davon, wenn ihre jungen Spieler international Erfahrung sammeln. Genauso wie unsere A-Nationalmannschaft. Alle profitieren von Olympia.

Ist der psychologische Aspekt im Training mit jungen Spielern wichtiger als bei gestandenen Spielern?
Nein, vielleicht sind die Schwerpunkte etwas anders. Das Wichtigste ist, dass ich bei einem Spieler die Leidenschaft für den Fussball spüre. Und dass er diese zu 100 Prozent für die Mannschaft einsetzt. Wir brauchen keine Individualisten. Niemand kann ein Spiel alleine entscheiden. Ausserdem will ich Spieler, die die Initiative ergreifen und etwas wagen. Klar passieren dann Fehler. Aber wer sich davor fürchtet, kann seine Leistung nicht voll ausschöpfen und kommt auch nicht weiter.

«Spieler dürfen Fehler machen» hört man nun bei vielen jungen Erfolgstrainern wie Dortmunds Jürgen Klopp oder Basels Heiko Vogel. Der autoritäre Stil von Otto Rehagel oder Christian Gross scheint dagegen nicht mehr zu greifen. Braucht eine neue Spielergeneration auch eine neue Generation von Trainern?
Ist weiss nicht, ob das eine Generationen-Frage ist. Für mich sind beim Spieler zwei Dinge entscheidend: Was kann er am Ball und wie ist sein Charakter. Das Zweite kann ich nicht von der Tribüne aus beurteilen. Darum führe ich viele Einzelgespräche. Ich gehe auch mit Spielern essen, ohne über Fussball zu sprechen.

Sind Sie für die jungen Spieler eine Vaterfigur?
Nein, ich habe schon drei Kinder! Aber ich will den Spieler spüren. Ich muss wissen, wenn er im Verein oder sonst wo Probleme hat. Man kann lange fordern: He, jetzt seid ihr im Nationalteam, hier gilt nur Fussball, also schaltet alles andere im Kopf ab. Das funktioniert nicht. Auch Profifussballer sind Menschen.

Während die A-Nationalmannschaft die EM-Qualifikation verpasste, holte Ihre U21 einen Grosserfolg für die Schweiz und Sie wurden zum Trainer des Jahres gewählt. Trotzdem kennt man Sie hier kaum.
Das muss man auch nicht. Ich bin sehr zufrieden, weil wir gut und voller Leidenschaft spielen. Darum hatten wir bisher Erfolg und das gefällt mir!

Die A-Nationalmannschaft wird nun aus Spielern gebildet, die Sie seit der U16 trainiert haben. Sie wären eigentlich der bestqualifizierte Trainer für die Hitzfeld-Nachfolge!
Giusto! (lacht)

Im Ernst, der FC Basel spielt besser, seit der unbekannte Assistent Trainer ist und Chelsea gewann unter Assistent Roberto Di Matteo endlich die Champions League.
Meine Energie und mein Fokus liegen immer auf dem, was ich gerade mache. Ich denke nicht zu weit voraus. Aber wenn ich jetzt gut arbeite, hat das positiven Einfluss auf meine Zukunft.

Reizt es Sie auch, mal Clubtrainer zu werden?
Ich hatte schon Angebote von Vereinen, aber vor der Olympiade war das für mich kein Thema. Danach werde ich sehen, was kommt.

Pierluigi Tami

«

Für mich sind beim Spieler zwei Dinge entscheidend: Was kann er am Ball, wie ist sein Charakter.»

Geburtstag: 12. September 1961, Gordola TI
Zivilstand: verheiratet (3 Kinder)
Wohnort: Minusio TI
Karriere: Als Profifussballer spielte Tami im Mittelfeld für die Tessiner Vereine FC Chiasso, AC Bellinzona, FC Lugano und FC Locarno. Bei Lugano und Locarno startete er auch seine Trainerkarriere. Später wechselte er unter Köbi Kuhn zum Schweizerischen Fussballverband (SFV), erst als Spielbeobachter, dann als Coach. Als Trainer betreute er Mannschaften von der U16 bis zur U21. Den grössten Erfolg erzielte er bei der U21-EM 2011 in Dänemark: Die Schweiz wurde zweite und qualifizierte sich erstmals seit 1924 für die Olympischen Spiele. Das Auftaktspiel der Schweiz ist am 26. Juli in Newcastle gegen Gabun.
Link: www.football.ch

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Text: Oliver Joliat

Foto:
Matthias Willi
Veröffentlicht:
Montag 11.06.2012, 12:13 Uhr

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