«Parfum ist wie ein Kleid: Es stärkt und beschützt mich.»

Yvonn Scherrer: «Ich bin süchtig nach Düften»

Wenn man Yvonn Scherrer am Radio hört, merkt man nicht, dass sie nichts sieht. Die seit ihrer Kindheit blinde Radiojournalistin kennt sich wie kaum jemand mit Düften aus und hat darüber ein Buch geschrieben.

Coopzeitung: Wie riecht es heute? Ohrenbetäubend?

Yvonn Scherrer: Nein, glücklicherweise nicht, sonst würden wir fast ohnmächtig! Heute riecht es intensiv nach Sommer, nach Gras und blü- henden Blumen. Doch es riecht nicht nach der weissen Tuberose. Nur diese ver- strömt den Duft, den ich als ohrenbetäubend süss bezeichne.

Was ist Ihr Lieblingsgeruch? Sandelholz.
Genau, in Ihrem Buch erfährt man das.

Haben Sie die seltsamen Begegnungen, die Sie beschreiben, tatsächlich erlebt?
Ja, so ist mein Leben! Mir passieren häufig komische Sachen. Jemand sagt zu mir, er habe das gleiche Problem wie ich, aber weniger schlimm. Wenn ich dann antworte: «I ha kes Problem. Was isch Öies?», wird es still.

Sie haben kein Problem mit Ihrer Blindheit?
Ich bin mit meiner Behinderung aufgewachsen und fühle mich wohl in meiner Haut.

Sie reisen ja auch gern?
Besonders gern reise ich nach Bulgarien. Vor allem liebe ich die Düfte dort. Es gibt Rosenfelder, wo das beste Rosenöl der Welt entsteht.

Wählen Sie Ihre Freunde und Freundinnen nach dem Geruch aus?
Nein, das wäre so falsch, wie wenn jemand, der sieht, seine Freunde nach dem Aussehen auswählen würde. Da ich Menschen nicht in die Augen schauen kann, achte ich vor allem auf die Schwingung, die jemand ausstrahlt.

Was machen Sie, wenn eine Person, mit der Sie zu tun haben, nicht gut riecht?
Das ist schwierig. Man kann kaum darüber reden. Man kann jemandem nicht gut sagen, er solle an seinem Duft arbeiten … Körpergerüche sind tabuisiert.

Geruch scheint intimer zu sein als das Aussehen?
Genau. Und man versucht, die natürlichen Körpergerüche wenn immer möglich zu übertünchen. Deshalb können wir heute nicht mehr riechen, wenn der Kollege Stress hat oder die Freundin krank ist. Das mit den Düften läuft fast alles unbewusst ab. Aber man kann die Sensitivität trainieren.

Sie tun das?
Ja, aber nicht nur, weil ich blind bin. Meine Nase war schon immer sehr fit, ich kann mir gut Düfte vorstellen, auch wenn ich sie nicht rieche. Jetzt entwickle ich das weiter.

Wie geht das?
Ich übe, mir Mischungen von Gerüchen vorzustellen.

Wenn Sie ein Parfum riechen, können Sie sagen, welche Substanzen drin sind?
Das trainiere ich. Ich lerne auch, die verschiedenen Rosmarintypen und Basilikumarten oder die Essenzen von Nadelgehölzen zu unterscheiden. Was bewirkt diese Geruchsachtsamkeit? Sie macht das Leben intensiver.

Was ist wichtiger: Geruch oder Klang?
Die Sinneswahrnehmung ist wie ein Teppich. Es ist alles miteinander verknüpft. Unser Gehirn wertet nicht, es vermittelt Eindrücke.

Verwenden Sie Parfum oder ziehen Sie Ihren natürlichen Eigengeruch vor?
Ich rieche mich selber sehr gut, obschon ich mich ständig in der Nase habe. Und ich bin süchtig nach Parfum. Ein gutes Parfum sollte nicht den natürlichen Geruch der Haut übertönen, sondern ihn unterstreichen. Im Moment verwende ich ein Parfum, das nach Kardamon und Sandelholz riecht. Für mich ist ein Parfum wie ein Kleid: Es stärkt und beschützt mich.

Kleider sind Ihnen wichtig?
Ja, vor allem die Beschaffenheit der Stoffe. Doch auch Farben sind mir wichtig.

Wie das?
Es spielt sich in meiner Fantasie ab. Ich stelle mir vor, dass das rote Kleid, das ich heute trage, zu diesem schwülen Sommertag gut passt. Wenn ich an einem Ort bin, wo vieles grau ist, spüre ich das und leide.

Sie können gut beschreiben, wie Dinge aussehen, obwohl Sie sie nicht sehen.
Das gehört zu meinem Beruf als Radiojournalistin. Ich frage immer alle um mich herum, wie Dinge aussehen, und zwar so lange, bis ich es verstehe und mit etwas, das ich kenne, vergleichen kann. Das habe ich schon von klein auf so gemacht.

Sie sind die einzige blinde Radioredaktorin?
Eigentlich wäre Radio ein ideales Medium für blinde Menschen: Wir wissen, wie es ist, wenn man nur den Klang hat. Aber es gibt kaum blinde Radioleute, das Metier ist hart und die Tonbearbeitungsprogramme sind sehr visuell. Ich konnte das Computersystem mithilfe von Kollegen an meine Bedürfnisse anpassen. Nun kann ich Sendungen selber bearbeiten.

Yvonn Scherrer

Steckbrief: Yvonn Scherrer
Wohnorte: In Münsingen BE aufgewachsen, lebt Yvonn Scherrer heute in Zürich und Bern. Ihr Augenlicht verlor sie mit sieben Monaten an Netzhautkrebs.
Ausbildungen: Blindenschule in Zollikofen, Gymnasium, Theologie- und Journalistik-Studium in Basel und Fribourg.
Berufliches: Seit 14 Jahren Senderedaktorin beim Schweizer Radio DRS 1.
Aktuell: Yvonn Scherrers Mundartbuch «Nasbüechli – Eine Duftreise» kostet Fr. 29.–. Es ist im Cosmos Verlag erschienen und auch als Hörbuch erhältlich: zwei CDs, gelesen von der Autorin, Fr. 34.–. Erhältlich unter: www.coopzeitung.ch/shop

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Eva Nydegger

Redaktorin der Coopzeitung

Foto: Christof Sonderegger

Veröffentlicht:
Montag 02.07.2012, 10:39 Uhr

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