Elfchen

Er dichtet und die Luft wird dicke.

Steven Schneider: «Hör dir das an, habe ich in drei Minuten geschrieben», sage ich zu Schreiber und lese deutlich und mit ausgeprägtem Rhythmus:
Sonne.    
Lauter Liebe.
Loses, laues Leben.
Treiben auf den Wellen.
Sommer.
«Schön, was?»Schreiber lächelt – aber längst nicht so verzaubert, wie ich gedacht hatte.
«Das ist ein Elfchen. Weisst du, auf fünf Zeilen werden ein Wort, zwei Wörter, drei, dann vier und auf der fünften Zeile wieder ein Wort gesetzt. Elf Wörter. Eine sehr spannende lyrische Kurzform.»
«Von deiner hübschen Lyrikkurs-Lehrerin», sagt sie.
«Du findest sie hübsch?»
«Ein Elfchen von einer Elfe. Das gefällt dir, oder?» Was ist denn jetzt los, denke ich. Ist Schreiber eifersüchtig? Rasch mein anderes Elfchen vorlesen!
«Bitte zuhören:
sie
macht jeden
meiner gewöhnlichen Tage
glücklich und ganz rund
sie.»
Ich lasse das letzte Sie noch ein wenig nachhallen, denn Kunst braucht Raum, selbst wenn sie noch ganz in den Anfängen steckt. «Sie?» Schreiber zieht in ihrer unnachahmlichen Art die eine Augenbraue hoch, was überaus deutlich ihre Zweifel vermittelt, die ich nun definitiv ausräume mit einem überzeugten: «Du!»

 

Sybil Schreiber: Mein Schneider konzipiert nicht nur wie ein Besessener Schreibkurse, nein, er besucht die meisten davon auch noch selber. Und zwar voller Leidenschaft. So wie heute: Den ganzen Tag hat er im Hirschli zugebracht, gemeinsam mit einer Handvoll anderer Frauen und der Kursleiterin, einer gut aussehenden Lyrikerin. Daneben organisiert er mit anderen attraktiven Dozentinnen einen mehrteiligen Kurs in kreativem Schreiben und seit Längerem die Biografiekurse. Zudem verabredet er sich, nur als Beispiel, mit Buchbinderinnen und Gestalterinnen und stellt neue Kursideen zusammen. Für all das braucht er viel Zeit. Familienzeit.
Und mir stellt sich die Frage, was ihn wirklich fasziniert: die Themen oder die Frauen?
«Warum konzipierst du eigentlich derart gerne Kurse?»
«Das macht Spass! Es gibt so viel Kreatives, Interessantes, Berührendes, das andere Menschen zu geben haben.»
«Menschen?»
«Fachleute», erklärt er nun näher.
Soso. Ich denke, Fachfrauen wäre wohl eher die korrekte Antwort.
Was mich auf eine Idee bringt: «Eigentlich könnte ich auch mal einen Kurs leiten.»
«Du?»    
«Warum nicht? Das wichtigste Kriterium erfülle ich.»
«Ach, und das wäre?»
«Ich bin eine Frau.»

(Coopzeitung Nr. 28/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Donnerstag 05.07.2012, 15:50 Uhr

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