Kaninchen können – wenn sie verletzt sind – von Fliegenmaden attackiert werden.

Nichts für sensible Gemüter

Wenn Sie gerade essen, sollten Sie hier lieber nicht weiterlesen. Es geht um ein Kaninchen mit Maden in einer Wunde. Dem Halter vergeht nach der Behandlung der Appetit.

Das Kaninchen hatte ein schönes Leben, es wohnte draussen in einem grossen Gehege mit viel Sonne, Gras und Kontakt zu Kollegen. Das Telefonat des Besitzers tönte aber sehr besorgt. «Er hat … hinten … ganz gruusig!»
Ich ahnte, was kam. Wie immer im Sommer, warten Schmeissfliegen nur darauf, dass ein Kaninchen irgendeine kleine Wunde bekommt. Hat das Tier zudem noch ein filziges Fell und kann es sich nicht mehr gut putzen, so wird es bei lebendigem Leib auf­gefressen, von Fliegen­maden.

Im Transportkäfig kauerte ein hübsches, dunkles Kaninchen. Auf den ersten Blick fiel nichts auf. Als ich es aber herausnahm, um es zu untersuchen, erschraken wir. Das gesamte Hinterteil war eine einzige Wunde, und diese wimmelte von Fliegenmaden. Der Halter hatte versucht, es zu waschen, deshalb tropfte noch Wasser und Schmutz hinab. Die folgende Arbeit war eingespielt. Der Besitzer musste einen Kaffee trinken gehen. Das Kaninchen wurde schlafen gelegt und wir zogen Handschuhe an. Ich schor und die Assistentin machte Jagd mit Spray und Papier auf Fliegenmaden, die das Weite suchten.

Unter dem geschorenen Fell klaffte eine grosse Wunde. Wahrscheinlich hatte das Kaninchen seit Längerem eine kleinere Wunde gehabt, die sich entzündet hatte. Durch die Fliegenmaden vergrösserte sie sich immer mehr. Schlussendlich war fast das gesamte Hinterteil befallen. Zum Glück für das Kaninchen aber ging die Wunde nicht tief. Das Hinterteil des Tieres wurde noch in desinfizierender Lösung gebadet.

Wieder geweckt, mit Antibiotika und Schmerzmittel versorgt, zitterte das Kaninchen in der Aufwachboxe. Wir diskutierten davor, wie gross die Überlebenschancen für das Tier waren. Der Besitzer war inzwischen von seinem Kaffee zurückgekehrt. So eine grosse Wunde. Wie nah war es an einer Blutvergiftung? Wieso hatten all diese Fliegen überhaupt landen können? Putzte es sich nicht mehr oder war es gar lahm? Hie und da krabbelte noch eine Fliegenmade im Waschbecken herum. Mit einer eleganten Handbewegung klopften wir sie jeweils tot. Bei jedem Klopfen wurde der Besitzer bleich und bleicher.

Wir wollten dem Kleinen eine Chance geben – klopf – und sprachen über die weitere Versorgung – klopf – und wie man Fliegen fernhält – klopf! Könnte man – klopf, klopf – die Ursache für das – klopf – Erstproblem finden – klopf – so hätte das Kaninchen auch langfristig ein lebenswertes Leben – klopf!

Bleich und stumm nahm der Besitzer sein Kaninchen wieder zu sich. Seine Pflege war vorbildlich. Bereits nach kurzer Zeit war die Haut narbenfrei verheilt. Und auch er selber hatte wieder Farbe im Gesicht beim Kontrollbesuch. Er sagte noch, an diesem Tag habe er gar keinen Hunger mehr gehabt. Praxismitarbeiter hingegen haben mit der Zeit Leder im Magen. So schnell verdirbt uns nichts den Appetit.

(Coopzeitung Nr. 28/2012)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Donnerstag 05.07.2012, 17:00 Uhr

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