Elf Meter neue Welt

Sie glaubts, er nicht: Die Fremde liegt so nah.

Steven Schneider: Früher wanderte ich durch Neuseeland und Vietnam, verbrachte sternenklare Nächte in der Kalahari und wollte mit dem Postschiff nach St. Helena. Fremde Welten faszinieren mich. Heute? Ist alles anders.
Schreiber hat Flugangst und behauptet, dass die Abenteuer vor der Nasenspitze warten. Darum bin ich jetzt nicht unterwegs nach Grönland, sondern steuere unser vollgepacktes Auto zum Zirkus.
Nach 35 Minuten sind wir am Ziel. Ich hörte auf der Fahrt kein einziges «Wann sind wir da?», «Mir ist schlecht», «Ich muss mal». Schreiber hatte nicht mal Zeit, im Auto ein Picknick zu organisieren. Es war total entspannt, muss ich sagen.
Wir beziehen das Quartier: Ein rotweisser Zirkuswagen, elf Meter lang mit zwei Schlafzimmern, Wohnzimmer, Küche, Bad. Die Kleine will gleich duschen, die Grössere kochen und Schreiber hängt Tücher auf, damit es noch heimeliger wird.
Ich setze mich vor dem Wagen auf die Treppe, blicke auf Kabel am Boden, auf weisse Plastikstühle, auf viele Wohnwagen, die Silhouette einer Stadt.
Musik schmettert aus dem Zirkuszelt, ein Mann in roter Uniform mit goldbestickten Bändern winkt mir zu.
Gleich beginnt die Vorstellung. Vorhang auf – wenn das keine fremde Welt ist!

Sybil Schreiber: Die Vorfreude ist enorm: Unsere Zirkus-Ferien stehen bevor. Ich kann es kaum erwarten und lese abends den Kindern «Papa Moll im Zirkus» vor.
Gewisse Ähnlichkeiten zwischen der gezeichneten und unserer Familie sind nicht zu übersehen: frecher Hund, lustige Kinder, eifriger Mann mit grossen Plänen, patente Mutter ...
Das könnten doch wirklich wir sein! Ich packe stilgerecht unsere Taschen: Jongliertücher, Diabolo, Frisbee, Trainingshosen, Gymnastikschuhe, reichlich Haarspangen und Gummis, eine rote Clownnase aus unserem Faschingsfundus – die ich dann aber doch nicht mitnehme. Es fühlt sich fantastisch an. Ich sehe uns schon als Ersatzartisten auftreten, falls einer der Profis vom Circus Monti mal ausfallen sollte.
Schneider sieht alles ganz anders: «Willst du dich blamieren? Keiner von uns kann Diabolo spielen, das Frisbee fängst du nie und mit rosa Jongliertüchern übt man im Kindergarten.»
«Papa Moll baut als selbst ernannter Zirkusdirektor auch nur Mist und ist damit erfolgreich.»
«Meine Liebe, du bist nicht Papa Moll!» Ich nicht, das stimmt.
Dann beäuge ich Schneider: kaum Haare, Bäuchlein, etwas ungeschickt – und finde: er hätte durchaus das Zeug dazu.

(Coopzeitung Nr. 29/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 16.07.2012, 07:00 Uhr

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