Salto mortale

Er und sie schauen den Artisten beim Training zu.

Steven Schneider: Ich bin gebürtiger Kunstturner. Mein Grossvater war klein und drahtig, ein Meister an den Ringen und am Barren. Und von meinem Vater gibt es Fotos, die ihn im Handstand auf schmalen Mauerbrüstungen zeigen.
Als Fünfjähriger balancierte ich auf seinen Füssen, die er in die Luft streckte – das war Akrobatik! Doch dann ging ich zum Fussball, wo mich statt Ruhm und Beifall nur blutige Knie und ein Achillessehnenriss erwarteten.
Wie gut wäre ich wohl in der Manege gewesen? Klein, kräftig, mit hoher Muskelspannung ausgestattet ... Diese Frage stelle ich mir, während ich drei Schleuderbrett-Artisten beim Training zuschaue.
Die Männer katapultieren einander auf der Wippe bis unter die Decke des Zelts: Salti, Schrauben, Wahnsinn!
Neben mir japst Schreiber vor Schreck. Ich flüstere: «Die können das.» Sie schüttelt den Kopf: «Ich gehe. Die bringen sich noch um.»
«Darum üben sie ja.»
«Man kann auch beim Üben verunfallen», zischelt sie.
Typisch Schreiber. Ginge es nach ihr, wäre alles verboten, was Spass macht. «Schau mal!», entfährt es ihr nun. Höchst erfreut. Ich sehe hin, und, ja, was die Jungs jetzt zeigen, gefällt ihr. Ich hingegen finde das nicht so spassig.

Sybil Schreiber: Wahnsinn, was diese jungen Männer machen. Fliegen meterhoch durch die Luft und machen auch noch Faxen. Ein Fehltritt oder eine unsaubere Landung, und aus dem Salto wird ein Salto mortale. Gott, dann liegen diese Typen mit zerschmettertem Körper neben der Wippe. Das ist verboten gefährlich. Ich kann kaum noch atmen. Gerade als ich gehen will, legen sie eine Pause ein, trinken Wasser, ziehen sich die T-Shirts aus, lachen und winken uns zu.
Was für ein Anblick: durchtrainierte, muskulöse, drahtige Männer. Ich setze mich wieder.
Da sagt Schneider: «Also gut, dann gehen wir halt.»
«Nein, jetzt bleiben wir noch ein bisschen.»
«Aber die Kinder? Die sind ganz allein im Zirkuswagen.»
«Das waren sie vorhin auch.»
«Ja, aber jetzt dauert es ein bisschen lang.»
Ich lächle: «Sag mal, du hast doch nicht etwa ein Problem, weil die Akrobaten ihre schönen, starken Körper zeigen?» Schneider schüttelt den Kopf und meint: «Sicher nicht», was übersetzt heisst: «Schon ein bisschen, aber ich sah doch früher auch so aus, im Fall!»
«Dann ist ja gut», antworte ich, lege meine Hand auf seinen Bauch: «Weisst du, die einen spielen mit der Schwerkraft, die anderen kämpfen dagegen.»

(Coopzeitung Nr. 31/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Donnerstag 26.07.2012, 12:16 Uhr

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