«Ich bin der Polo Hofer und wohne in Oberhofen – ich bin also der Ober-Hofer»: Polo am geliebten Thunersee.

Polo Hofer: «Die Schweiz ist eine Insel»

Polo Hofer hat für Emmentaler Käse eine 1.-August-Rede geschrieben. Im Interview erzählt er über sein Verhältnis zur Schweiz, seine Parteigründung vor 40 Jahren, und wie er seine Frau kennengelernt hat.

Coopzeitung: Was bedeutet Ihnen die Schweiz?

Polo Hofer: Das ist da, wo ich lebe. Ich bin kein Patriot und auch kein Nationalist. Aber ich bin durchaus froh, dass ich hier bin. Ich bin in erster Linie Musiker, in zweiter Europäer, in dritter Schweizer und in vierter Oberländer.

Ist die Schweiz eine Insel der Seligen?
Die Schweiz ist die einzige Insel mit Land darum herum. Und die draussen sind am Schwimmen.

Wie Lummerland bei Michael Ende?
Nein, das ist eine Tatsache. Wir sind wohl die einzige Nation, die seit 170 Jahren keine kriegerische Auseinandersetzung hatte. Das finde ich bemerkenswert, sehr sogar. Und wenn man denkt, wer alles zu uns kommen will, könnte man schon meinen, wir seien selig.

Und die musikalische Schweiz?
Die ist sehr aktiv. Ich glaube, die Schweiz ist das grösste Chilbiland weit und breit. Letztes Wochenende haben 60 Festivals stattgefunden. Wir haben etwa 17 000 registrierte Bands im Pop-Rock-Bereich. Kann man alles auf MX3.ch nachschauen. Es wird also sehr aktiv musiziert. Da sind die Blasorchester und die Jodlerclubs noch nicht mitgerechnet. Dann kommen noch die Grosskonzerte dazu, Springsteen und so. Ich will eigentlich sagen: Es ist sehr viel Geld im Umlauf nur zum Vergnügen, also kann es dem Land nicht so schlecht gehen.

Sie haben mal gesagt, dass die Sorgen der Leute immer noch dieselben seien wie vor 40 Jahren.
Ja. Wenn es Sorgen sind. Es geht immer noch um Wachstum und Gewinnmaximierung, es gibt nur mehr Verbote. Und mehr Autos. Und mehr Häuser. Und mehr Boni.

Sie haben ja 1971 eine Partei mitgegründet, die Härdlütli. Margrit Probst wurde überraschend sogar in den Berner Stadtrat gewählt. Bräuchte es die Härdlütli also heute noch?
Wir haben ja damals spezifische Verbesserungen für Bern gefordert. Da sind sie heute noch am Suchen. Es gab kürzlich diese Demo für mehr Freiräume für die Jungen, das haben wir damals auch gesucht. Es ist eigentlich immer noch sehr ähnlich. 1968, 1980 – es ging immer um dasselbe. Es ist immer eine neue Generation, die ihre Freiheit für sich sucht. Was heute natürlich ganz anders ist, das ist die Kommunikation. Ich bin ja noch ein Neandertaler, im Gegensatz zu den Digitalern. Meine Frau ist eine Digitalerin. Wir verteilten vor den Wahlen noch tagelang Flugblätter. Heute machst Du das alles mit Facebook, Twitter und so. Wir waren auch nicht 10 000, sondern nur vier. Aber wir haben einen Sitz erobert. Wir waren damals etwa 24 Jahre alt. Wir haben bewiesen, dass man teilnehmen kann an der Demokratie, wenn man nur will. Es ist für jeden möglich, man muss allerdings den Arsch bewegen. Von unserem damaligen 10-Punkte-Parteiprogramm sind heute etwa sieben Punkte erfüllt.

Immerhin.
Ja.

Wie halten Sie es heute mit der Politik?
Ich verfolge sie sehr interessiert. Im Moment gibt mir die eidgenössische Steuerverwaltung viel zu denken. Wie kann die Politik das zulassen und die Kontrollen nicht besser organisieren?

In Ihrer 1.-August-Rede schlagen Sie eine Verschweizerung Europas vor.
Ja. Statt Europäisierung der Schweiz. Unser föderalistisches System funktioniert ja eben, und erst noch mehrsprachig. Das könnte man doch auf Europa übertragen. Aber in Europa wird die Zentralisierung gesucht.

Nach Schweizer Regeln wären Sie jetzt schon mindestens zwei Jahre pensioniert.
Bin ich. Aber selbstständige künstlerische Berufsleute kennen das ja nicht. Man tut, was man kann, solange man lebt, und worauf man Lust hat. Wenn man Pläne und Träume hat, lebt man länger. Beispiele sind Picasso, Erni, Bichsel, Goethe. Dessen letzte Worte waren ja bekanntlich: «Etwas Musik wäre wünschenswert.»

Singen Sie noch?
Ja, fleissig. Nächsten Monat habe ich mehrere Auftritte. Unter anderem in Basel auf dem Floss. Ich bin vorsichtig, ich muss etwas einsingen und so, und die Stimme hat sich etwas verändert über die Jahre. Aber rauchig und kratzig kann ja auch sehr sexy sein.

Ihre Frau betreibt ein Sarg-Atelier. Lebt man mit dem Sarg vor Augen anders?
Ja. Man ist ständig mit der Vergänglichkeit konfrontiert. Aber das kann ja nicht schaden. Wir reden viel über solche Sachen. Aber das war schon so, bevor sie das Sarg-Atelier hatte. Sterben hat auch mit Kultur zu tun.

Wie haben Sie Ihre Frau kennengelernt?
Ich war Single vor 15 Jahren und dann habe ich immer diese Frau im Coop gesehen. Dann habe ich ihr ins Einkaufskörbchen geschaut. Da habe ich gesehen: Die kauft Einzelportionen, ist auch Single. So haben wir uns im Coop zwischen den Regalen verliebt. Jetzt lese ich: Dem Gölä ist es genau gleich gegangen. Das ist doch ein Grund für Singles, in den Coop zu gehen. Ich mache sicher mal einen Song darüber. Der heisst dann: «Liebi zwüsche de Regal».

Polo Hofer

Geboren: 16. März 1945 in Interlaken
Werdegang: Lehre als Handlithograf, 1971 gründete er mit Hanery Amman und anderen Musikern «Rumpelstilz», die erste Mundart-Rockband der Schweiz. Er schrieb Lieder wie «Kiosk» und «Teddybär». Weitere Bands waren 1979 «SchmetterDing» und 1984 die «SchmetterBand». 2004 tourte er mit der Band «The Alpinistos». 2009 erschien Hofers erstes Soloalbum «Prototyp». Es landete direkt auf Platz 1 der Schweizer Hitparade.
Aktuell: Polo Hofer hat eine 1.-August-Rede geschrieben, die auf Emmentaler Käse erhältlich ist. Polo Hofer ist derzeit unterwegs als «Polo Hofer & Die Band», unter anderem auf dem Floss in Basel, in der Mühle Hunziken, im Stadtkeller Luzern und im Bierhübeli Bern.

Mehr zu Polo Hofer auf seiner Internetseite

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
Omar Chajjam: "Die Rubaijat. Wie Wasser strömen wir." Es ist von einem persischen Mathematiker und Philosophen, der vor 1000 Jahren gelebt hat.

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Dean Moriarty aus "On the Road" von Jack Kerouac. Ich lese halt viel englisch.

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Nicht mehr so viele wie früher. Aber es gibt schon noch ein paar. Hans Erni. Bob Dylan. Es kann auch wechseln, je nach Stimmungslage und Situation. Caravaggio. Nächstes Jahr will ich vermehrt malen und da will ich Caravaggio kopieren. Also fälschen….  

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
"Marley"

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Entweder "Down by Law" oder "Night on Earth", beide von Jim Jarmusch.

Ihr Lieblings-Filmheld?
Jeff Bridges

Was für Musik hören Sie gerade?
"The Band of Heavens" aus Texas. Kann ich schwer empfehlen, oder "The Songs of Bill" aus der gleichen Gegend. Ich höre vor allem Südstaatenmusik. Und dann habe ich eine Frau entdeckt, sozusagen der weibliche Bob Dylan: Mary Gauthier. Sehr beeindruckend.

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
"Blond on Blond" von Bob Dylan.

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Mit Delbert McClinton. Das habe ich übrigens schon gemacht, aber ich  würde sofort wieder.

Was kochen Sie selbst?
Ich bin Spezialist auf Cajun-Food. Es handelt sich um eine kleine Volksgruppe in Süd-Louisiana, die französisch spricht und eine eigene Küche aus der Armut und dem Meer entwickelt hat. Die haben auch eine eigene Musik, mit Handorgeln und so, eine sehr fröhliche Geschichte. Eines der bekanntesten Gerichte ist  Jamabalja, ein Reisgereicht. Das ist sogar besungen worden. Huere interessant, ich bin sogar in Kochkurse gegangen da, und habe hier schon in verschiedenen Beizen gekocht, unter anderem am Gourmet Festival in Gstaad. Kochen als Vorgang ist sehr ähnlich wie Musikmachen. Man muss die Ingredienzien wohlüberlegt ins Spiel bringen.

Ihre Lieblingsspeise?
Craw Fisch Etoufee: Das ist ein Flusskrebs-Gericht auf Nudeln.

Ihr Lieblingsgetränk?
Rotwein.

Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit allen, die fröhlich sind.

Und wo essen Sie am liebsten?
Als Rock'n'Roll-Zigeuner muss ich wohl oder übel da essen, wo ich grad bin. Allerdings handelt es sich dann oft um Sandwiches.

Mac oder PC?
Weder noch. Ich bin ein Neandertaler. Ich kann das Gerät nicht bedienen. Ich hab auch nur ein Handy, kein Smartphone. Ich kann auch nicht Auto fahren.

Auto oder Zug?
GA.

Wein oder Bier?
Wein.

Pasta oder Fondue?
Beides.

Joggen oder Walken?
Beides nicht.

Berge oder Meer?
Beides gerne. Ich habe hier herum jeden Berg bestiegen der ein Bähnli hat.

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Das wird wohl in einem Kino gewesen sein, ist aber schon lange nicht mehr vorgekommen. Ich habe keinen Grund dazu.

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Indem man mir eine witzige Story erzählt oder wenn eine Situation komisch ist.

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Ich bin im Fisch geboren. Vielleicht ein Fisch.

Wovon träumen Sie?
Von Menschen, glaube ich. Von Begegnungen.

Was ist für Sie das grösste Glück?
Gsundheit.

1.August-Emmentaler mit Polo Hofer

Kommentare (1)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Matthias Zehnder

Ehemaliger Chefredaktor

Foto:
Philipp Zinniker
Veröffentlicht:
Freitag 27.07.2012, 10:00 Uhr

Weiterempfehlen:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?