Für das Schmucktruckli zu schade: Besser, man isst sie, die Johannisbeeren.

Johannisbeeren: Sie kommen nie aus der Mode

Seltsam, wie die Zeit die Wahrnehmung verändert. Gion-Gieris Johannisbeeren etwa sind das beste Beispiel dafür.

Zwölf! Sage und schreibe 12 Johannisbeerstöcke standen im Garten von Gion-Gieris Eltern. Wir beide hofften immer inständig, dass der liebe Gott eine biblische Plage über sie kommen lassen möge: Engerlinge beispielsweise oder Blattläuse. Aber Gott liess sich nicht erweichen. Oder – und wahrscheinlicher – waren die Johannisbeeren sogar den Läusen zu sauer.

Auf jeden Fall war unsere Kindheit im Sommer geprägt von Johannisbeeren pflücken, im Rest des Jahres von Johannisbeerenkonfi essen. Eigentlich ging mich das Ganze ja nicht wirklich etwas an, aber Gion-Gieri war mein Freund. Und ich konnte ihn ja nicht stundenlang alleine – oder noch schlimmer – unter Aufsicht seiner Grossmutter väterlicherseits, Johannisbeeren ablesen lassen. «Nur die reifen, roten», keifte sie jeweils. Und bis so ein Kübeli voll war! Es dauerte Ewigkeiten. Ewigkeiten, in denen die anderen Kinder tschutteten. Aber wie gesagt, Gion-Gieri war mein Freund.

Ausserdem hatte er eine Schwester, die Madlaina hiess, und es gab Momente in meinem Leben, in denen hätte ich noch viel Schlimmeres gemacht als Johannisbeeren gepflückt. Wobei, viel Schlimmeres gab es eigentlich nicht, denn man konnte sich nicht mal auf das Zvieri freuen: Es gab Butterbrot und … Sie erraten es – Johannisbeerkonfi aus grossen Einmachgläsern. Die war nicht schlecht, eigentlich sogar gut, aber so dünn, dass sie uns Kindern immer wieder vom Brot über die Finger tropfte. Und zum Dank für die Sklavendienste gab mir Gion-Gieris Mutter jeweils noch einen Gruss an meine Mutter und ein Glas dieser unsäglichen Konfi mit nach Hause.

Den Gruss richtete ich jeweils aus, das Konfitürenglas fiel mir meistens auf dem Heimweg dummerweise aus der Hand. Oder in den nächsten Graben. Dabei kam ich eigentlich noch gut weg: Ich musste nur ins Brot mit der süss-sauren Kon-ftüre beissen, bei Gion-Gieri daheim gab es auch noch Birchermüesli, das zu 80 Prozent aus Johannisbeeren bestand. Etwas vom Ersten, das Gion-Gieri nach dem Tod seiner Eltern machte, war Folgendes: Er liess alle 12 Johannisbeer-Stöcke ausreissen. Und heute tut ihm das leid, mir auch. Denn nach einigen Jahren Abstand zu den traumatischen Kindheitserlebnissen entdeckten wir unabhängig voneinander, wie gut diese roten, kleinen süss-sauren Beeren sein können, wenn ihr Genuss nicht mit obigen Erlebnissen vorbelastet ist.

Johannisbeerkonfi oder Gelee, der nicht via Hände auf die Hosen tropft … mhhh. Oder ein mit Johannisbeeren gewürztes Birchermüesli – göttlich. Vanillecreme mit Johannisbeeren, Johannisbeer-Quarkkuchen, ach – beim Gedanken an solche Köstlichkeiten läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Und letzthin tauchte auch noch Gion-Gieri auf und schwärmte zunächst verlegen, dann überschwänglich von einer Kreation seiner Frau: Johannisbeer-Essig (siehe Rezept). Beinahe wollten wir schon losziehen und im Garten seiner Eltern Johannisbeeren pflücken …

Zubereitung

Springform 28 cm mit Fertigmürbteig auslegen. 3 Eiweisse steifschlagen, 100 g Vollrohrzucker am Schluss mitschlagen, 125 g gemahlene Mandeln und 400 g Johannisbeeren drunterziehen, auf dem Teigboden verteilen. Bei 200 Grad 50 Minuten in der unteren Hälfte des Backofens backen.

Johannisbeer-Essig

Zutaten
1 Liter weisser Bio-Balsamico
500 g Johannisbeeren
400 g Zucker

Zubereitung
Den Zucker im erwärmten (nicht kochenden!) Balsamico auflösen. Danach die Beeren – und allenfalls eine ausgeschabte Vanilleschote – dazugeben und das Ganze ziehen lassen. Rühren, bis sich die Farbe (und das Aroma) der Beeren mit dem Balsamico vermählen. Es dauert etwa eine halbe Stunde. Dann die Maische mit einem Tuch filtern und den Essig in Flaschen abfüllen.

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Franz Bamert

Redaktor

Foto:
Ferdinando Godenzi
Styling:
Marianne Ettlin
Veröffentlicht:
Montag 30.07.2012, 02:00 Uhr

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:

Die neusten Kommentare zu Frisch auf den Tisch:

Dieter Eichler antwortet vor zwei Tagen
Granatapfel: Der gekörnte Apfel
Hallo, ich wollte bei COOP St. ... 
Irène Pfändler antwortet vor 2 Wochen
Glühwein 2016
Guten Abend Frau Bättig, ich m ... 
Linda antwortet vor 2 Wochen
Cheesecake: Und alle sagen Cheese … cake
Cheesecake mit Himbeeren: ist ... 


Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?