Zutraulich: Dieser Nymphensittich geniesst die Streicheleinheiten.

Ein einsamer Vogel

Eine Dame nimmt zwei Nymphensittiche bei sich auf. Es sind schon ältere Semester. Doch der eine lebt noch lange, sogar sehr lange, bei seiner Besitzerin.

Sie nahm die Vögel aus Mitleid auf. Es wurde ihr versichert, dass sie uralt seien und nicht mehr lange zu leben hätten. Die zwei Nymphensittiche pfiffen so laut, dass die Erstbesitzer Probleme mit den Nachbarn hatten. Schon 15-jährig, mussten die zwei also umziehen. Es gefiel ihnen sehr in ihrem neuen Daheim. Ihr Pfeifen störte da weniger und ein grosser Käfig lud zum Spielen ein. Auch hatten sie viel Kontakt zum Menschen, und ihr täglicher Freiflug wurde streng beaufsichtigt, damit sie mit ihren starken Schnäbeln keinen Unfug anstellten.

Nach einigen Jahren wurde der eine immer dünner und müder und schliesslich starb er. Was sollte die Besitzerin jetzt mit dem zweiten, dem Witwer gewissermassen, machen? Ein erster Versuch, ihn mit einem jüngeren zu vergesellschaften, schlug fehl. Der Alte regte sich zu sehr auf, biss den jungen und die zwei fanden sich nicht. In eine Voliere geben? Die Besitzerin erhielt nur Absagen. Er fühlte sich alleine als Witwer so wohl, dass sie schliesslich die Suche aufgab. Denn er würde ja auch bald altershalber sterben, meinte sie. In der Praxis nahm ich den Alten regelmässig aus seinem Transportkäfig, um ihm die Krallen zu schneiden.

Mit lautem Gezetere zerbiss er jeweils mein Handtuch, liess sich aber seine im Alter überlangen Krallen gut schneiden. Jedes Mal sagte ich, man sähe ihm sein Alter an. Er war etwas zersaust, und am Kopf hatte er nicht mehr alle Federn. Trotzdem kletterte er rüstig im Käfig herum und pfiff seinen Ärger über den Tierarztbesuch laut heraus. Jedesmal meinte die Besitzerin, sie wisse nicht, ob sie nächstes Mal noch kommen würde. Beim nächsten Besuch war er noch etwas zerzauster, doch auch da hielt er sich tapfer und kämpferisch.

Offenbar wollte er seine Besitzerin einfach nicht verlassen. Nach weiteren zehn Jahren regelmässigen Krallenschneidens rief sie wieder an. Diesmal war es eine trauriger Stimme: «Er ist letzte Nacht einfach tot von seinem Stängelchen gefallen. Die letzten zwei Tage war er etwas ruhiger, doch ich hatte nicht gedacht, dass es jetzt so weit sei. Über 14 Jahre war er bei mir. Wer hätte das gedacht!»

(Coopzeitung Nr. 32/2012)

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Montag 06.08.2012, 00:00 Uhr

Mehr zum Thema:

Mehr Geschichten aus der Tierarztpraxis

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:


Die neuesten Kommentare zu den Geschichten aus der Tierarztpraxis:

Ursula antwortet vor 2 Monaten
Eins, zwei – ganz viele
Vielen Dank, mir gefallen alle ... 
Smithc477 antwortet vor 2 Monaten
Mein Hund, dein Hund
Awesome article post.Thanks Ag ... 
Sonja Tschudin antwortet vor 2 Monaten
Noro wahrt die Haltung
Für ältere Hunde, die plötzlic ... 


Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?