Psycho Pirouetten

Sie träumt vor, was er hätte träumen wollen

Sybil Schreiber: Unser letzter Tag im Circus Monti. Wehmütig packen wir unsere Sachen.
Mein Traum hat sich erfüllt – aber ich fürchte, dass Schneider jetzt erst zu träumen anfängt: von einem ganzen Jahr im Zirkus.
Ich sah doch den Glanz in seinen Augen, als wir mit der Familie plauderten, die das grad macht: Die fährt eine Saison im Wohnwagen mit und arbeitet im Bürowagen. Dass die das überraschend anstrengend finden, blendet er aus. Ich nicht.
Nur: Wie bringe ich ihm ohne Streit bei, dass unser Zirkusabenteuer definitiv vorbei ist? «Toll, vier Kinder im Schulwohnwagen, vom Erstklässler bis zum Maturanden. Der eine nähte grad eine Hose, die anderen machten eine Matheprobe», sage ich.
Schneider nickt. «Und der Lehrer verkauft am Abend Glace!» Schneider nickt und stopft Handtücher in die Reisetasche. «Du bist doch Lehrer.» Er schüttelt den Kopf: «Ich war Lehrer.»
«Aber du könntest das auch, oder?»
«Glaub schon.»
«Du träumst doch immer von einer Weltreise. Warum machen wir nicht im Zirkus eine Weltreise durch die Schweiz?»
«Wir? Das heisst, du wärst dabei?», fragt er irritiert.
Ich lächle, meine Idee könnte funktionieren: Wenn ich will, was er will – dann will er es nicht mehr.

 

Steven Schneider: Habe ich mich verhört? Schreiber will im Zirkus leben? «Ich wollte schon immer mal Zuckerwatte verkaufen», schwärmt sie. «Und beim Zeltaufbau würden wir alle gemeinsam anpacken.» Sie haucht: «Abends mit der Zieharmonika vor unserem Wagen ...»
Hm. Das ist neu. Sehr neu.
Sonst bin ich derjenige, der andere Lebensentwürfe plant. Schreiber bewahrt lieber. Und natürlich habe ich mir während unserer Ferien hier ein ganzes Zirkusjahr mit der Familie ausgemalt, sogar mit dem Zirkusdirektor darüber gesprochen.
Ahnt Schreiber was? «Wir müssten nur jemanden finden, der unser Haus in dieser Zeit hütet», fährt sie fort.
Was? Ist das meine Frau? Sie ist doch am liebsten zu Hause.
«Vielleicht lerne ich sogar Jonglieren», säuselt sie.
Jetzt wird mir das Ganze zu viel. Diese Träumerei ist völlig unrealistisch: «Komm auf den Boden. Wir haben einen Garten, die Kurse, unsere Lesungen, den Hund. Erinnerst du dich?»
Sie lächelt verklärt: «Ach, stimmt, das habe ich ja völlig vergessen.» Ich atme auf. Für einen kurzen Moment dachte ich, dass ...
«Na dann», fällt sie mir mit einer ganz anderen Tonart ins Wort, «trag mal die Sachen ins Auto! Ich freu mich schon auf Daheim.»

(Coopzeitung Nr. 32/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Donnerstag 02.08.2012, 12:33 Uhr

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