Knalliger Kreischlauf

Wenn sie sich freut, flüchtet der Rest.

Sybil Schreiber: Ein sonniger, ausgeschlafener Ferienmorgen. Das Licht strahlt ins Schlafzimmer, wir – inklusive Kinder und Hund – sind alle wach und lümmeln auf dem Bett herum. Die Kinder haben uns Kaffee gebracht und Gipfeli für alle. Auch wenn sich die Brösel unangenehm unter der Decke verbreiten, ist in meinem Herzen alles perfekt: ein wunderschöner Glücksmoment. Noch dazu, als unsere Ältere zu singen anfängt, unsere Kleine meinen Nacken krault, Schneider einfach nur lächelt und unser Hund Krümel nascht.
Ich könnte vor Freude weinen und würde am liebsten mit unserem Familienbett durchs Fenster hinaus in Freie schweben. In andere Welten, weg vom Alltag voller Sollen und Müssen. Durch die Wolken bis zum Licht. Hier in diesem Bett liegt mein ganzes Lebensglück.
Ich muss meiner Freude Ausdruck geben, springe aus dem Bett und tanze zum Gesang meiner Tochter.
Etwas exaltiert, ich weiss, aber dass sich Schneider deshalb vor Lachen gleich verschluckt, der Hund bellt und meine Kinder «Mama, hör auf, du bist so peinlich» rufen, überrascht mich doch ein wenig. Ich war doch nur grad so was von knall­vergnügt, wie mein geliebter Dichter Ringelnatz sagen würde.

 

Steven Schneider: Wenn es Schreiber gut geht, vergisst sie sich. Ich erinnere mich an ihre wilden Tänze in Australien, als sie an einem Hippie-Fest mit seltsamen Turbo-Pirouetten dem Trommel-Spieler die Augen verdrehte. Oder wenn wir wandern und sie vor Freude einen Berg anjuchzt, und zwar direkt neben der Seilbahn, mit der wir zuvor hinaufgefahren sind. Ganz abgesehen davon, dass sie nicht sonderlich gut juchzt, sondern viel mehr schrill kreischt.
Ich freue mich mit ihr, wenn sie glücklich ist, oder vielmehr, ich habe mich daran gewöhnt. Deshalb lache ich mit, wenn sie an unpassenden Orten aufdreht wie kürzlich in einem Spielwarengeschäft, in dem sie chinesische Wundermuscheln entdeckt hatte, die sie als Kind liebte.
Unsere Töchter aber finden ihre überschwängliche Ausdrucksform noch immer sehr anstrengend. Eine vom Glück beschwipste Mutter befremdet unsere Kinder.
Und dafür gibts nur dieses Gegenmittel: ab und an etwas Abstand.
So haben meine Kleine und ich vor, diesen Spätsommer an einem Teich ganz in der Nähe zu zelten. Und Ida hat mir bereits klargemacht, dass sie das ohne Mama machen will: «Denn wenn es ihr dort gefällt, Papa, dann kreischt sie bestimmt wieder.»

(Coopzeitung Nr. 33/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Freitag 10.08.2012, 16:18 Uhr

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