«Ein toller Job»: Stephan Lichtsteiner (mit Luca Marrone) über seine Arbeit bei Juventus Turin.

Stephan Lichtsteiner:
«… das nötige Temperament habe ich ja»

Persönlich. Stephan Lichtsteiner hat letzte Saison mit Juve als erster Schweizer die italienische Meisterschaft gewonnen und nun zum zweiten Mal den Supercup. Er ist somit der erfolgreichste Italien-Söldner der Schweiz. Der Nationalspieler über Italien, Pasta und den Starkult um Juventus Turin.

Coopzeitung: Sie spielen seit vier Jahren in Italien Fussball. Fühlen Sie sich wohl in Ihrem Gastland?
Stephan Lichtsteiner: Sehr sogar. Ich schätze das angenehme Klima hier, das Essen, die Kultur und das Flair für Ästhetik und Design.

Sie gingen 2008 nach Rom: Tauchten Sie da in eine mehr oder weniger unbekannte Welt ein oder hatten Sie schon vorher eine gewisse Affinität zu Italien?
Ich hatte keine besondere Affinität zu Italien, ausser, dass ich als Kind hier manchmal Ferien verbracht habe. Was ich hingegen kannte, das war die italienische Liga, die zu den besten der Welt zählt.

War das Einleben schwierig?
Das erste Jahr in Rom war nicht einfach. Aber ich habe die Sprache relativ schnell gelernt und mit der italienischen Kultur habe ich mich ebenfalls rasch arrangiert. Das nötige Temperament habe ich ja bereits mitgebracht ... (lacht)

«Auf der Gasse» oder in Sprachkursen?
Ich habe einige Grundkurs-Lektionen genommen, aber eigentlich vorwiegend «auf der Gasse», durch Zuhören und Nachahmen.

Was mögen Sie an Italien am meisten?
Ich liebe den tollen Mix aus Lebensqualität, schönem Wetter, gutem Essen, und dass ich hier einen tollen Job wahrnehmen kann. Die ita-lienische Liga ist eine schwere Liga, gespickt mit Topstars aus aller Welt.

Sie haben das Essen angesprochen. Was mögen Sie an der italienischen Küche?
Schwierig, mich da festzulegen. Die italienische Küche ist so reichhaltig und bunt und bietet von Antipasti über Primi und Secondi lauter Leckerbissen. Grundsätzlich bin ich eher der Pasta- und weniger der Pizza-Typ.

Vermissen Sie etwas aus Mutters Küche?
Kulinarisch wenig, da bei uns zu Hause viel Pasta gekocht wurde. Wenn ich etwas vermisse, dann die Eltern am Tisch. Meine Familie ist mir sehr wichtig. In dieser Hinsicht bin ich ebenfalls sehr italienisch.

Eine gute Küche verführt dazu, mehr zu essen, als einem guttut. Müssen Sie einen Ernährungsplan einhalten?
In der Vorbereitungsphase gibt es einen Ernährungsplan. Aber ich esse auch zu Hause oder in den Ferien immer gleich. Ich bin von klein auf gut erzogen worden, was Ernährung angeht und habe deshalb auch in den Ferien keine Probleme, mein Gewicht zu halten. Man kann fettarm und gut essen. Und ab und zu darf man sich eine kleine Freude gönnen, auch wenn sie ernährungsmässig eher zu den Sünden zählt.

In einem Interview haben Sie gesagt, Trainer Antonio Conte habe Sie überzeugt, zu Juve zu wechseln. Hat er Sie nur sportlich überzeugt oder spielt da auch die Überlegung mit: Wo will ich die nächsten Jahre leben?
Das müssten dann schon sehr gute Argumente gewesen sein, mit denen man jemanden von Rom weglocken kann ...

... Turin liegt ein paar Kilometer näher an der Schweiz?
Ich wähle meine Vereine aufgrund sportlicher Ziele. Antonio Contes Philosophie und sein Spielsystem gefallen mir. Bei ihm war ich überzeugt, die richtige Wahl zu treffen. Ich musste damals zwischen zwei oder drei Vereinen auswählen.

Drei Jahre waren Sie in Rom, jetzt das zweite Jahr in Turin. Was unterscheidet die beiden Städte am meisten?
In Rom merkt man, dass die Stadt zu den historisch wichtigsten Orten der Welt gehört. Rom ist sehr touristisch. Turin dagegen ist die Stadt von Fiat. Allerdings bei Weitem nicht die Industriestadt, als die sie verschrien ist. Ich mag Turin sehr. Das Klima ist ähnlich jenem des Tessins, auch wenn das Piemont für Italien die Schlechtwetterregion ist.

Das passt ja. Als Luzerner kommen Sie aus dem «Schüttstein der Nation».
Genau. Aber auch für Luzern stimmt der Ruf nicht. Luzern ist wunderschön.

Wie oft sind Sie in der Schweiz – mal abgesehen von Ihren Engagements mit der Nationalmannschaft?
Leider wenig. Die Einsätze mit der Nationalmannschaft bieten einem die Chance, mal zu Hause bei den Eltern zu schlafen. Daneben sind wir in der Meisterschaft eingespannt, da bleibt keine Zeit für Besuche, höchstens in den Weihnachts- oder Sommerferien.

In der Schweiz können Fussballer und Bundesräte relativ unbehelligt spazieren oder im Supermarkt einkaufen gehen. Geht das in Italien auch?
Fast gar nicht. Fussball ist das Wichtigste im Leben eines Italieners, man spricht vom Morgen bis am Abend über Fussball. Entsprechend werde ich in der Öffentlichkeit oft angesprochen. In Rom war es extrem: Wenn wir auswärts gegessen haben, kamen die Fans auch während des Essens und haben um Autogramme oder um ein Foto gebeten. In Turin kommen die Fans erst nach dem Essen. Turiner sind zurückhaltender, fast schweizerisch.

Irgendwann werden Sie Ihr Geld nicht mehr mit Fussballspielen verdienen. Könnten Sie sich vorstellen, dass Italien trotzdem Ihre Heimat bleibt?
An sich schon. Doch daran denke ich im Moment noch nicht. Ich möchte, sofern die Gesundheit das zulässt, bis 34 oder 35 im Ausland bleiben. Zudem: Die Schweiz ist meine Heimat, und ich nehme stark an, dass ich wieder zurückkehren werde.

Stephan Lichtsteiner

Geburtsdatum: 16. Januar 1984
Wohnort: Turin
Zivilstand: verheiratet, 1 Tochter
Vereine: Vom FC Adligenswil kam Lichtsteiner 1996 zu Luzern und 2000 zu den Grasshoppers. 2005 erfolgte der Wechsel nach Lille (F), 2008 zu Lazio Rom (I) und 2011 zu Juventus Turin (I).
Erfolge: Lichtsteiner schaffte den Durchbruch als Profi-Fussballer unter Trainer Marcel Koller bei GC und wurde 2002/03 Schweizermeister. Mit Lazio Rom wurde er italienischer Cup- (2008/09) und Supercup-Sieger (2009/10), mit Juventus Turin gewann er letzte Saison als erster Schweizer die italienische Meisterschaft und nun erneut den Supercup. Seit 2006 gehört Lichtsteiner zum Stamm der Schweizer Nationalmannschaft.

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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Christoph Kaminsky
Veröffentlicht:
Montag 20.08.2012, 09:48 Uhr

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