Wie viel Schutz hat ein Kind nötig?


Schutzhelme beim Velofahren, Rollerbladen und sogar auf dem Spielplatz? Kinder schützen ist richtig, doch zu viel Schutz beeinträchtigt sie in ihrer Entwicklung. Eine Bestandesaufnahme bei drei Generationen.

Drei Generationen: Grossmutter Iris Schädler, 66, ihre Tochter Denise, 40, und deren Tochter Salome, 11.

Drei Generationen: Grossmutter Iris Schädler, 66, ihre Tochter Denise, 40, und deren Tochter Salome, 11.
Drei Generationen: Grossmutter Iris Schädler, 66, ihre Tochter Denise, 40, und deren Tochter Salome, 11.

Ohne Helm fährst du nicht Rad! Am Bach spielen? Nein, da könntest du ja reinfallen. - Solche Sätze bekommen Kinder heute von ihren Eltern oft zu hören. Kinder werden zur Schule gefahren, dürfen nur im Sichtfeld der Eltern spielen und müssen Schutzausrüstungen tragen. Aus Angst, der Nachwuchs könnte sich verletzen oder sonstwie in Gefahr geraten, schränken viele Eltern den Freiraum massiv ein. Wenn sie aber von ihrer eigenen Kindheit berichten, tönt das meist ganz anders.

«Wir hatten früher kein Fahrrad und sind den ein Kilometer langen Schulweg täglich und bei jedem Wetter zu Fuss gelaufen», erzählt die 66-jährige Iris Schädler. Nur der Vater hätte ein Herrenfahrrad gehabt und auf dem hätten sie und ihre Geschwister dann das Fahren geübt. Kopf oder Knie zu schützen war damals kein Thema. Die heutige achtfache Grossmutter ist in Walenstadt aufgewachsen. Eine schöne Kindheit auf dem Land habe sie erlebt, auch wenn sie viel mitarbeiten musste. Sie erzählt von Fahrten auf dem Heuwagen des Onkels und wie man nach dem Kartoffelnernten jeweils mit den Stauden ein Feuer gemacht, Würste gebraten und viel gesungen habe. Bäche stauen, Hütten bauen und Nielen rauchen seien tolle Erinnerungen. «Lass sie machen», habe die Mutter gesagt, «sie merken dann schon, wenn sie grün im Gesicht werden». Nach Hause gegangen sei man nach dem Glockenschlag der Turmuhr oder dem Sonnenstand. «Natürlich hatten wir hin und wieder einen ‹Blätz› ab, doch damit mussten wir zurechtkommen».

Heute lernen Kinder
meist mithilfe der Eltern das Radfahren und Schwimmen im Schwimmkurs. «Mit uns ist der Vater auf den See gefahren und hat uns ins Wasser geworfen», erzählt Iris. So hätten sie es gelernt. Doch solche brachialen Methoden findet Iris heute auch nicht mehr gut. Freiräume habe sie ihren Kindern aber immer gelassen. «Aber es hatte auch weniger Verkehr als heute und man ging nie so häufig ans Wasser.» Bei den Enkeln sei das schon anders. Da denke sie manchmal, jesses, wenn jetzt etwas passiert. Denise, die Tochter von Iris, ist jeden Tag mit dem Rad zur Schule gefahren, im Sommer und Winter. Bei einem Ausrutscher auf Schnee habe sie sich den Arm gebrochen, erzählt die sechsfache Mutter. Doch so habe sie gemerkt, dass man im Winter besser nicht mit dem Fahrrad fahre, ergänzt Mutter Iris. Denise's Kinder müssen zum Velofahren und Rollerbladen Schutzausrüstung anziehen. «Ich habe eine schlechte Wundheilung und wäre als Kind froh gewesen um solche Knie- und Ellenbogenschoner». Auch vor Wasser hat Denise grossen Respekt. Unbeaufsichtigt darf keines ihrer kleinen Kinder ins Wasser. «Auch meine 11-Jährige lasse ich nicht alleine in die Badi», sagt die sechsfache Mutter. Gewisse Verhaltensweisen empfindet aber auch sie als übertrieben. So wie damals, als sie und ihr Bruder Würmer vom Sandhaufen hatten und das Nachbarsmädchen deswegen nicht mehr mit ihnen spielen durfte. «Es gibt Mütter, die ihren Kindern am liebsten einen Chip einpflanzen würden, um immer zu wissen, wo sie sind. Kinder haben aber ihr eigenes Leben und wir Eltern müssen nicht überall und immer dabei sein.» Sie sei heute weniger ängstlich als noch beim ersten Kind. 
«Mein zweiter Sohn hat mich gelehrt, dass er das, was er will, auch kann.» Im Tobler Haus mit sechs Kindern, Meerschweinchen und einem Hund, schreit oder weint fast immer ein Kind, das von Denise dann mit viel Geduld getröstet wird. Kinder müssen lernen mit Gefahren umzugehen, auch im Verkehr. Wenn kein Erwachsener dabei sei, schauten die Autofahrer auch besser, glaubt die 40-Jährige. Als überängstlich nicht, aber vorsichtig schon, bezeichnen sich Mutter und Grossmutter, und Denise ergänzt: «Mutter sein ist für mich ein Traumberuf. Für meine Kinder will ich auch da sein.»
Und ihre Tochter, die 11-jährige Salome, bestätigt: «Meine Eltern sind sicher nicht überängstlich, sondern lassen uns sehr viel selbstständig machen. Ich darf alleine mit dem Velo zu meiner Freundin oder zum Einkaufen fahren. Und sie traut es mir auch zu, dass ich auf meine kleinen Schwestern aufpassen kann. Das Einzige, das mich ärgert ist, dass sie mich noch nicht alleine in die Badi gehen lässt. Doch meine beste Freundin darf das auch nicht, deshalb ist es nicht so schlimm.»

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Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Donnerstag 14.07.2011, 10:28 Uhr


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