Kleine Fluchten

Sie hebt ab im Internet, damit er am Boden bleibt.

Sybil Schreiber: Vormittags sitze ich in meinem Büro am Computer und schreibe. Texte aller Art. Manchmal wollen die Sätze aber einfach nicht vom Kopf auf den Bildschirm. Dann träume ich, statt zu arbeiten. In aller Ruhe und allein. Bloss nicht gemeinsam mit Schneider, der die verrücktesten Träume – und davon hat er viele – immer sofort umsetzen will.
Nein. Ich träume zur Entspannung und lasse mich im Internet treiben. Manchmal wurden diese Träume auch schon wahr. Konkret fand ich unser Hündchen Lilla im Netz oder tolle Lounge-Möbel.
Seit unseren Zirkusferien habe ich mich in Zirkuswagen verliebt. Mal sehen ...
Klick: Vor mir taucht ein verlotterter Holzwagen auf. Ich stelle mir vor, am Rhein eine Dépendance einzurichten. Da wir kein Grundstück am Rhein haben, suche ich im Netz weiter und finde eine Wiese, die aber im Prättigau liegt. Auch gut. Und diese Wiese wäre laut Verkäufer ideal für Schafhaltung. Schafe? Sind ja irgendwie schnuckelig. Ich stosse auf einen Link von einem Bio-Bauern, der supersüsse schwarze Lämmer anbietet ...
Nach einer halben Stunde ist meine Fantasie bereit zur Landung: Ich bestelle ein Set Fussabstreifer in Grün und Grau und bin wieder fit für die Realität.

Steven Schneider: Ich baue gerne Luftschlösser. «Heb nicht ab», sagt Schreiber dann nüchtern, wenn ich ihr von einer verrückten Idee nach der anderen vorschwärme. Denn kaum bin ich an einem schönen Ort, galoppiert mein Unternehmerherz los und will ein Bed and Breakfast am Lago Maggiore eröffnen oder eine Vinothek im Friaul.
Weit, weit weg.
Ich gönne mir diese kleinen Fluchten. Es macht mir auch Spass, meine Ideen danach durchzurechnen. Ich stelle Budgets auf und plane Umsätze. Ein Zeitvertreib, der natürlich fast immer damit endet, dass mich die Zahlen oder Schreiber ernüchtern.
Als ich nach Hause komme, den Kopf noch berauscht von meiner Vinothek, zeigt sie mir lächelnd bunte Fussmatten.
«Was sollen wir denn damit?», frage ich.
Sie räuspert sich: «Die haben mir beim Texten geholfen.»
Schmutzschleusen helfen beim Schreiben? Viel eher ist sie wieder mal im Netz rumgesurft. Schreiber gibt stets vor, die Vernünftige in der Familie zu sein, dabei kauft sie unnötigen Kram im Internet mit dünnen Begründungen von wegen Schnäppchen.
Sie strahlt: «Waren grad Aktion. Und eigentlich habe ich sie für dich gekauft.»
«Hä?»
«Damit du trotz all deiner Ideen auf dem Teppich bleibst.»

(Coopzeitung Nr. 36/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Samstag 01.09.2012, 15:00 Uhr

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