Stumm dienen

Er zwingt sie zu ihrem Glück, pädagogisch fragwürdig, aber nachdrücklich.

Steven Schneider: Es war einmal ein stummer Diener, der gehörte mir ganz allein. Als Schreiber zum ersten Mal eine Hose von sich dranhängte, drückte ich ein Auge zu. Als kurze Zeit später dann zwei Blusen und drei Hosen von ihr den Diener belegten, fragte ich Schreiber, ob ich ihr auch einen stummen Diener zum Geburtstag schenken dürfe.
Die Antwort war kurz und sehr entschlossen: «Nein!»
«Nein? Wieso?»
«Ich finde ihn spiessig. Ausserdem steht er dann nur im Weg rum.»
«Ja, genau, er steht rum und erträgt deine Kleider.»
«Nein danke. Ist ja lieb von dir, dass du mir einen schenken willst, aber ich nehme jetzt meine Klamotten runter und dein stummer Diener dient ganz alleine nur noch dir.»
Das war dann auch so. Etwa vier Tage lang.
Seither dient mein stummer Diener immer wieder zwei Herren, wovon der eine weiblich ist und versprochen hat, seine Frauenkleider nicht dranzuhängen.
Soll ich daraus eine Staatsaffäre machen?
Ist ja nur eine Kleinigkeit, oder?
Aber nervig!
Ich nehme die weisse Bluse mit den grossen roten Mohnblumen vom sanft geschwungenen Bügel meines stillen Dieners, falte sie sorgfältig zusammen und flüstere: «Wer nicht hören will, muss fühlen.»

Sybil Schreiber: «Sag mal, hast du meine weisse Bluse mit den roten Mohnblumen gesehen? Ich suche sie seit Tagen», frage ich Schneider, der grad dabei ist, Curry zu kochen. Eigentlich muss ich davon ausgehen, dass er keine Ahnung hat, wovon ich rede, aber vielleicht habe ich ja Glück.
«Vor ein paar Tagen habe ich sie gebügelt. Jetzt ist sie verschwunden.»
Er rührt schweigend im Topf.
«Hörst du mich nicht? Ich suche eine Blu-hu-se!»
Schneiders Rührtempo wird noch langsamer, dann blickt er mich ausdruckslos an.
«Ist was?», frage ich. Er nickt und bedeutet mir, ihm zu folgen.
Ich verstehe gar nichts.
Wir gehen ins Schlafzimmer und bleiben vor unserem Kleiderschrank stehen. Er öffnet die Schiebetür von seiner Hälfte, greift ins drittunterste Fach, lupft seine T-Shirts und – ja! Da ist sie, meine Bluse!
«Was soll denn das?», frage ich Schneider, als er mir das zerknitterte Teil reicht.
«Die kann ich gleich wieder waschen und bügeln.»
«Was auf meinem stummen Diener liegt, gehört mir», sagt er. «Und damit eines klar ist: Zu Weihnachten schenke ich dir einen, ob du willst oder nicht!»
Und ob ich was will: Dass Schneider bis dahin sein Spiesser-Geschenk wieder vergessen hat.


(Coopzeitung Nr. 37/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Samstag 08.09.2012, 13:00 Uhr

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