Gesammelte Liebe

Herzensbotschaften brauchen Platz. Den richtigen.

Steven Schneider: Ich sitze im Arbeitszimmer am Computer und lese ein Interview mit Fernando Alonso. Sechs, sieben Minuten Ablenkung und Entspannung. Bis auf einmal Schreiber neben mir steht. «Ich habe ein Geschenk für dich», flötet sie.
Ach ja? Einfach so? Aus dem Nichts heraus?
«Die Kinder haben mir dabei geholfen. Hier.» Sie hält mir ein Paket hin.
Ich nehme das Geschenkpapier weg: eine Schachtel mit bemaltem Deckel. Darauf steht: «Für meine Liebesbriefe!»
Hm, was soll mir das sagen?
Dass ich ihr schreiben soll? Aber ich seh’ sie doch jeden Tag.
Ich öffne die Schachtel, und siehe da, es liegt schon etwas drin. Ein Brief. Von Schreiber. Ich erinnere mich: Den habe ich zum letzten Geburtstag bekommen. Und dann habe ich ihn irgendwo liegen gelassen.
«Vielen Dank», sage ich unsicher. «Bitte, gern geschehen.»
Wenn sie in mich hineinschauen könnte, würde sie nun sehen, dass ich mir sofort zwei Dinge ernsthaft vornehme: Ihr unbedingt wieder mal zu schreiben und all ihre Liebesbotschaften an mich, die ich noch finde, zusammenzukramen und in die Schachtel zu legen.
Ich mag ja in gewissen Dingen vielleicht unsensibel sein – aber selbst jemand wie ich versteht einen solch deutlichen Wink mit der Pappschachtel!

Sybil Schreiber: Schneider lässt meine liebevollen Briefe achtlos herumliegen: neben dem Bett, auf dem Schreibtisch, im Bücherregal. Zärtliche Zettel, die meine Gefühle offenbaren. Verbale Momentaufnahmen im Alltag, die uns daran erinnern, dass die Liebe Liebe braucht.
Ich will Schneider ja nicht nur gelbe Einkaufs-Post-its im Befehlston schreiben, sondern auch rosarote Herzensbriefe voller Zuneigung. Einfach so, zwischendurch, ohne Grund, aber von Herzen. Wie eine Umarmung im Garten oder ein Kuss beim Kochen.
«Sind dir meine Briefe egal?», frage ich.
«Natürlich nicht.»
«Dann fände ich es sehr schön, wenn du sie mit mehr Achtung behandeln und nicht irgendwo verstauben lassen würdest!»
Er nickt und ich weiss, was jetzt in seinem Kopf vorgeht: Er nimmt sich vor, mir a) zu schreiben, und b) meine Briefe sauber zu archivieren. Was er – wie ich mit noch grösserer Sicherheit weiss – allerdings bald wieder vergessen wird. Egal.
Dann lege ich meine Herzensbotschaften an ihn eben selber in seine Liebesbriefschachtel. Und wenn ich mich romantisch fühle, werde ich sie öffnen und dabei seufzen.
Denn ich liebe es einfach, wunderschöne Liebesbriefe zu lesen. Selbst wenn sie von mir sind.

(Coopzeitung Nr. 38/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Freitag 14.09.2012, 09:29 Uhr

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