Ein grosser Abenteurer

Gipsy lebt in einer schönen, grünen Umgebung. Doch der grosse Kater sucht lieber das Abenteuer in der Ferne. Dafür überquert er immer wieder gefährliche Strassen, Kreuzungen und Plätze.

Ob Katzen jetzt sieben oder neun Leben haben, ist nicht ganz klar. Im englischen Sprachraum spricht man eher von neun, im deutschen eher von sieben. Ich kenne einen Kater, der hatte sogar zwanzig Leben. Ich machte Bekanntschaft mit ihm, als eine am Stadtrand wohnende Freundin anrief.

Sie erzählte, dass auf ihrer Terrasse schon seit einiger Zeit eine zugelaufene Katze liege. Da sie nicht sicher war, ob sie verletzt sei, fuhr ich rasch über Mittag zu ihr hin. Da lag tatsächlich ein schwarz-weisser, grosser Kater. Er hatte sich königlich auf dem Holzboden drapiert und kümmerte sich nicht um die fauchende Hauskatze der Freundin.

Ich nahm ihn mit in die Praxis. Dort wurde der Kater gründlich untersucht. Er hatte Fieber und Halsweh, aber zum Glück konnte ich seinen Besitzer ausfindig machen. Er war gechippt.

Der Chip ist bei Hunden obligatorisch, bei Katzen aber nicht. Das reiskorn-grosse Implantat wird mit einer Spritze unter die Haut gesetzt. Liest man den Chip mit einem Gerät ab, so sieht man lediglich 15 unveränderbare Zahlen. Bei der anis.ch werden der Chipträger und dessen Besitzer registriert. So können gefundene Tiere jederzeit wieder ihrem Besitzer zurückgebracht werden.

Der Kater hiess Gipsy und wohnte in der Stadt Luzern in der Nähe des Sees, und hinter seinem Haus hatte er viele grüne Gärten. Doch anstatt die schöne Umgebung zu geniessen, streunte er trotz Kastration ständig herum. Für den Weg bis zum Stadtrand hatte er mehr als eine gefährliche Strasse überquert.

Monate später holte ich meine kleine Tochter in der Schule ab. Es herrschte eine grosse Aufregung, denn eine Katze war im Schulhaus zugelaufen. Ich schaute ihn an. Es war unverkennbar Gipsy. Wieder hatte er zwei gefährliche Strassen überquert! «Ich kenne ihn! Das ist Gipsy. Ich werde sein Herrchen anrufen, damit er weiss, wo er ist!», sagte ich. Herrchen hatte ihn noch gar nicht vermisst und Gipsy ging, nachdem er sich von allen Schülern streicheln liess, von alleine wieder nach Hause zurück.

Fast ein Jahr später kam ein verzweifelter Anruf einer Nicht-Katzenbesitzerin. Sie wohne in der Altstadt und auf einem nahegelegenen Alleebaum, in grosser Höhe, miaue eine Katze bereits seit Stunden! Alles Zureden, dass die Katze sich nach dem anfänglichen Schrecken selber wieder an einen Abstieg wage, fruchteten nichts. Die Feuerwehr musste ausrücken und das Tier mit der langen Leiter befreien. Ich nahm die Katze in Empfang und – es war Gipsy. Er schnurrte zufrieden in meinem Arm. Diesmal hatte er einen grossen, vierspurig befahrenen Platz und eine belebte Einkaufsstrasse überquert!

Während Gipsy in meiner Praxis auf seinen Besitzer wartete, hielt ich ihm eine fulminante Rede über Katzen und Katzenreviere, welche an einer grossen Strasse enden sollten. Gipsy aber liess es kalt. Er probierte das im Käfig bereitgemachte Körbchen aus und als ich immer noch weiter redete, ging er demonstrativ auf die Toilette. Ich hatte verstanden. Wenn wieder jemand eine Katze finden sollte, muss ich Folgendes sagen: «Ist die Katze schwarz-weiss, gross und dünn? Dann lassen sie ihn, es ist Gipsy, der Unverbesserliche. Er wird schon wieder nach Hause finden.»

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Freitag 15.07.2011, 14:25 Uhr

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