Sie verstanden sich und gingen zusammen durchs Leben. Bis zum letzten Tag.

Treu bis zum Ende

Ein alter Mann und sein alter Hund kommen immer wieder in die Praxis. Beiden geht es sehr schlecht.
Aber trotzdem kann einer nicht ohne den anderen sein. Sie sind sich treu bis zuletzt.

Es ging dem betagten Hundehalter immer schlechter. Bei jedem Besuch sah man ihm an, dass er kränker wurde. Sein Hund hatte ebenfalls gesundheitliche Probleme. Immer wieder kamen die zwei in die Praxis, damit ich dem Hund seine Spritze geben konnte. Die Spritzen konnten aber die Erkrankung nicht aufhalten. Der Hund sah schlechter und schlechter aus. Er wurde dünner und sein Bauch immer dicker. Immer wieder sprach ich den Besitzer auf den Gesundheitszustand seines Hundes an. Er aber winkte ab. «Ich selbst bin auch krank. Solange wir zwei unseren Spaziergang machen können und mein Hund keine Schmerzen hat, geht es mir auch gut! Es ist ein so treuer Hund! Er hat es verdient, das Leben noch ein bisschen geniessen zu dürfen.»

Einen Monat später kämpften sich beide wieder in die Praxis. Der Hund noch dünner, sein Herrchen noch kränker. Ich sagte ihm erneut, dass irgendwann einmal der Hund nicht mehr könne. «Wie lange wollen sie warten? Bis er wirklich nur noch leidet?» Wortlos und gebückt humpelte der Besitzer nach draussen. Eine schwierige Situation war das. Den Hund einschläfern, wenn es dem Besitzer genauso schlecht ging? Doch plötzlich stand der Mann ohne einen Termin in der Praxis. Sein Hund hatte jetzt auch noch Durchfall. Er erklärte mir, dass er wegen seiner eigenen Erkrankung notfallmässig ins Spital eingeliefert worden war. Nach drei Tagen schon erzwang es sich Herrchen, wieder nach Hause zu dürfen, obwohl ein längerer Spitalaufenthalt dringend nötig gewesen wäre. Sein Hund hatte diese drei Tage in einem Heim verbracht. Mit seiner Erkrankung und seinem Alter aber hatte ihm dies nicht gutgetan.

Wir päppelten den alten Hund auf. Bald konnte er wieder mit seinem Ball spielen und die täglichen Spaziergänge laufen. Er sah etwas besser aus, ich wusste aber, dass es bald einen neuen Krankheitsschub geben würde.

Wenige Wochen danach kam wieder ein Anruf. «Schläfern Sie meinen treuen Hund bitte ein, es geht zu Ende.» Als ich in der Wohnung ankam, waren auch Sanitäter dort. Ich begriff. Es ging mit dem alten Mann zu Ende. Ich nahm seinen Hund an die Leine und sah zu, wie der Besitzer abtransportiert wurde. Dann fuhr ich den kranken Hund zu mir in die Praxis. Er legte sich schwerfällig an seinem Stammplatz im Wartezimmer hin und schloss die Augen. Ich kraulte ihn am Ohr. «So, alter Hund. Ich glaube, du hast den treuesten Hundebesitzer aller Zeiten gehabt.»

(Coopzeitung Nr. 39/2012)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Getty
Veröffentlicht:
Freitag 21.09.2012, 11:17 Uhr

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