Friedensgespräche

Die Luft ist nicht für beide gleich dick

Sybil Schreiber: Das war ein schwieriger Abend gewesen, denke ich, als ich früh aufwache und nicht mehr einschlafen kann. Ich blinzle zur anderen Bettseite. Leer. Ach ja, richtig! Schneider wollte gar nicht bei mir schlafen.
Dabei hatte doch alles gut begonnen.
Verbrachten einen gemütlichen Abend mit netten Menschen. Nur Schneider sass abwesend am Tisch. Ich bemühte mich darum, gute Laune zu verbreiten, aber der Mann an meiner Seite, also meiner, muffelte immer uninspirierter vor sich hin.
Dann, als die Gäste längst weg waren und wir die Küche aufräumten, werkelte Schneider wortkarg am Ofen. Ich wollte über den Abend reden, er schwieg. Wie mich das nervt, wenn er seine schlechte Laune einfach so in die Gegend dünstet! Und zum Schluss hat er sich dann auch noch demonstrativ ins Gästebett verzogen. Schweigend.
Wir haben heftig, aber vollkommen still gestritten. Jetzt liege ich wach und frage mich: Belastet ihn etwas? Womöglich ich? Braucht er Luft? Schlittert er gerade in eine Lebenskrise? Es wird langsam hell, und ich höre ihn unten in der Küche werkeln.
Ich stehe auf, schleiche hinunter, sehe ihn am Herd Kaffee kochen. Ich gebe mir einen Ruck und schlage leise vor: «Frieden?»

Steven Schneider: «Frieden?» Schreiber steht im Pyjama vor mir und blickt traurig. Habe ich irgendwas verpasst? Wann hatten wir denn Streit? Ich lasse die nähere Vergangenheit Revue passieren.
Es kam Besuch. Schreiber war in Fahrt, plauderte viel – für mich eindeutig zu viel –, aber ich überliess ihr gern die Bühne. Ich war ja so müde.
Später haben wir gemeinsam die Küche ins Reine gebracht. Ich habe den Ofen geputzt, der nach dem Poulet völlig verfettet war. Fand ich sehr aufmerksam von mir, weil ich kaum noch aus den Augen sah. Abgesehen davon lief das Radio, wozu also miteinander reden?
Dann habe ich mich auch noch anerboten, die Nacht im Gästebett zu verbringen. Damit wir beide ungestört schlafen können. Hat sie das missverstanden?
Ich kenne ja ihren unbändigen Drang nach Harmonie. Der Abend war nach ihrem Geschmack wohl nicht zuckersüss genug. Er war eher herb, für mich also völlig in Ordnung.
«Um Frieden zu schliessen», sage ich, «müssten wir uns doch erst mal richtig fetzen.» Falsche Antwort, merke ich sogleich, denn jetzt zittert ihr Kinn.
Dabei wollte ich in aller Ruhe Kaffee trinken und den Tag allein beginnen – in Frieden.

(Coopzeitung Nr. 39/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Freitag 21.09.2012, 12:34 Uhr

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