Ausgerechnet!

Er weiss: Auf sie kann er nicht mehr zählen.

Steven Schneider: Wenn Hirnaktivität leuchten würde, dann wäre unsere Küche an diesem Abend auch ohne Strom taghell.
«Und jetzt: zwei Drittel?», frage ich meine Tochter, die mit uns am Küchentisch sitzt. Sie überlegt konzentriert. Wir müssen üben, anders gehts nicht. Unsere Tochter hat so viele Mathematik-Hausaufgaben zu lösen, da darf sie einfach nicht auf Kriegsfuss stehen mit den Zahlen.
Darum stelle ich ihr ab und zu Rechenaufgaben, damit Mathematik für sie alltäglich und harmlos wird. Im besten Fall sogar ein Spiel, das Spass macht. «Null Komma Periode sechs?», antwortet sie, kräuselt die Nase und legt die Stirn in Falten.
Schreiber, die uns gegenüber sitzt, blickt mich ratlos an. «Bravo!», sage ich zu meiner Tochter und stelle die nächste Aufgabe: «Und wie viele Liter sind eins Komma null eins Hektoliter?»
Sie schaut zur Decke hoch und denkt nach. Währenddessen blicke ich wieder zu Schreiber. Ihr Gesichtsausdruck wechselt im Sekundentakt von Ratlosigkeit, Erleichterung und Staunen wieder zurück zur Ratlosigkeit.
Dass Schreiber noch nie eine grosse Leuchte in Mathe war, weiss ich. Ich rechne also besser gleich damit, dass unsere Grössere von nun an nur noch auf mich zählen kann.

Sybil Schreiber: Ich höre Schneider und unserer zwölfjährigen Tochter zu, wie sie sich über Mathe unterhalten. Zum Glück habe ich als junge Frau eine Schauspielausbildung gemacht, so können mir die beiden jetzt nicht ansehen, dass ich rein gar nichts kapiere. Ich blicke nämlich wissend.
«Wie schreibt man denn das: Periode drei?», frage ich möglichst beiläufig. Meine Tochter malt mit ihrem Finger auf dem Holztisch eine Drei: «Und dann kommt einfach ein flacher Strich drauf, schau!» Verblüffend.
Als wir das in München in meinem Mädchengymnasium durchnahmen, muss ich wohl grad geschwänzt haben. Oder dann gibt es so etwas in Deutschland nicht. Periode sechs, also, so was! Ich mache mir meine Gedanken: Warum leben wir in einer Zahlenwelt, wo doch die echte Welt zauberhaft bunt ist, nach tausend Dingen riecht, Geräusche macht, angefasst werden kann.
«Mama, rechne auch mit uns», sagt meine Tochter. Ich antworte, dass ich jetzt wirklich mit dem Hund spazieren müsse. Ist vielleicht besser, wenn meine Töchter nicht wissen, wie wenig Ahnung ich bis heute von Mathe habe – und dennoch ein glücklicher Mensch geworden bin.
Sie würden sofort aufhören, zur Schule zu gehen.

(Coopzeitung Nr. 40/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Mittwoch 26.09.2012, 11:53 Uhr

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