Erika Stucky: «Ich habe einen Traum job»

Die Sängerin Erika Stucky verbrachte ihre Kindheit in San Francisco und im Oberwallis. Eine interessante Mischung, die man auch in ihrer Musik hört.

Coopzeitung: Erika Stucky, wo hört Ihr musikalisches Universum auf?
Erika Stucky: Mein Universum hat keine Grenzen. Ob ich nun Jimi Hendrix interpretiere oder einen Jutz singe, ich tu es immer mit ganzem Herzen. Ich habe noch nicht begriffen, wie es mir gelingt, völlig gegensätzliche Genres zu kreieren. Sei dies nun auf philosophischer, musikalischer, rhythmischer oder harmonischer Ebene. Vielleicht liegt es an meinen zwei Nationalitäten, Schweiz und Amerika. Das Zäuerle hat auch nichts mit Eminem gemeinsam. Obwohl, ich kann Eminem singen und übergangslos ins Jodeln wechseln.

Zwei Nationalitäten, bedeutet das auch zwei Kulturen?
Es ist wunderbar, zwei Kulturen in sich zu haben. Auf der anderen Seite des Atlantiks bestärkte man mich:  Man sagte uns Kindern, «das, was du machst, ist super, grossartig». Hier, in der Schweiz, fragte man nach «War das alles? Kannst du das auch besser?»  Es wurde mir beigebracht, dass man nie ausgelernt hat. Ich schätze es jedoch, dass ich die amerikanische Seite zuerst kennengelernt habe. Wenn man ein Kind ist, will man nicht wissen, was noch nicht funktioniert. Man will hören, dass man geliebt wird und einzigartig ist. In der Schweiz hörte ich das recht selten. Heute, mit den Jahren, fühle ich mich jedoch immer schweizerischer.

Will heissen ...
Manchmal nerven mich die Amis. Wie sie den ganzen Raum für sich beanspruchen. Wie sie laut auftreten. Ich bin so was von europäisch geworden. Wir Schweizer, was sind wir doch diskret. Ich schätze das sehr.

Welche Erinnerungen haben und behalten Sie von San Francisco?
Mein Vater hat das Oberwallis mit seinen zwei Brüdern für San Francisco verlassen. Dort hat er eine Schweizerin aus dem Togge nburg getroffen und geheiratet – meine Mutter. Zu Hause haben meine Eltern Schweizerdeutsch mit uns gesprochen. Mein Bruder, meine Schwester und ich haben dann aber systematisch auf Englisch geantwortet. Ich war neun Jahre alt, als die Familie entschieden hat, wieder ins Land zurückzukehren.

Hier sollte die Bildlegende stehen.

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Ins Wallis?
Zuerst machten wir einen Abstecher ins Toggenburg. Meine Eltern übernahmen das gut laufende Hotel von meinem Grossvater, dem Adoptivvater meiner Mutter. Mein Vater versuchte die Dekoration zu verändern. Er verteilte überall Plüschaffen und wollte Irish Coffee servieren. Ich bin sicher, er hat das irgendwo in Disneyland gesehen. Mein Grossvater, ein Armeeoffizier, hat das nicht verstanden. Nach neun oder zehn Monaten Hotellerie sind wir dann ins Oberwallis weitergezogen mit dem Ziel, später nach San Francisco zurückzukehren. Wir Kinder verliebten uns jedoch so in die Region, dass die Familie blieb.  Das Toggenburg ermöglichte es mir aber, zum ersten Mal vor Publikum zu singen.

Wo war das?
In einem Hotel im Dorf. Eine englische Band spielte am Abend für die Skifahrer. Ich stützte mich mit den Ellbogen am Rand der Bühne auf und sang mit ihnen mit. Sie haben mich dann eingeladen, mit ihnen zu singen und ich gab eine Version von Jingle Bells und Yellow Submarine zum Besten. Vor dem Singen achtete ich darauf, mich auch richtig vorzustellen, wie man es mich in Amerika gelehrt hat: «Hello, my name is Erika Stucky and I am going to sing for you...»  (Hallo, mein Name ist Erika Stucky und ich werde für sie singen...) Ich habe nicht realisiert, dass man im Dorf nicht seinen Namen sagen muss. Da den ja jeder schon kannte ...

War es einfach, sich zu integrieren, nachdem sie aus Amerika kamen?
Im Wallis haben mich alle Erwachsenen gleich als eine Einheimische anerkannt. Ich war die Enkelin vom Stucky Theodor. In der Schule war dies schwerer. Ich duzte die Lehrer, und die Kinder in meinem Alter sahen in mir eher eine Amerikanerin, die da aufgekreuzt ist.  Ich erinnere mich, dass die Mädchen fanden, ich würde die Hüften beim Gehen übertrieben schwingen. So  lernte ich schnell, wo mein Platz ist. Das war eine gute Übung.

Wo werden Sie am 1. August sein?
Daheim am Zürisee. Letztes Jahr in Genf. Vorletztes Jahr in Berlin. Auslandschweizer engagieren mich oft für den 1. August. Sie wollen etwas Schweizerisches. Aber nicht zu schweizerisch. Etwas Grenzüberschreitendes. Weltoffenes.

Kommt es vor, dass Sie genug haben von den Konzerten und Tourneen?
Wer hat schon nicht mal genug von seinem Job? Ich toure ja schon seit einem Vierteljahrhundert. Manchmal habe ich genug davon, acht Stunden im Zug zu reisen oder eine überfüllte Agenda zu haben. Aber genau dann im ICE, wenn ich die Geschäftsmänner oder -frauen sehe, die in ihre Laptops oder Handys tippen, sage ich mir, dass ich wirklich ein Superleben habe. Einen fantastischen Beruf! A dream job!

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Steckbrief:

Erika Stucky

Kindheit: 1962 in San Francisco, Kalifornien, in der Flower-Power-Zeit geboren. Vater Bruno, Mutter Ruthli, ein Bruder und eine Schwester.

Oberwallis: In Mörel trat Erika Stucky dem lokalen Trachtenverein bei. Was sie nicht daran hinderte, Bob Dylan, Janis Joplin und Frank Zappa zu hören.

Bühnen: Sie verlässt die Schweiz für Paris. Morgens Schauspielunterricht; abends die Jazzschule.

Tochter: Ihre Tochter Maxine (18 Jahre) fängt Anfang August eine Lehre als Kaufmännische Angestellte bei Chocolat Lindt & Sprüngli an.

Konzerte: Nach bis zu 250 Konzerten pro Jahr nimmt sie es heute ein bisschen ruhiger. Sie hat jedoch nicht aufgehört, in der Weltgeschichte herumzureisen.

Anne-Marie Cuttat

Redaktorin

Foto:
Charly Rappo / arkive.ch
Veröffentlicht:
Dienstag 19.07.2011, 08:00 Uhr

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