Wirtschaftsprofessor Franco Taisch im Treppenhaus der Universität Luzern.

«Die Genossenschaft ist hochmodern»

Die Eidgenossenschaft ist ein Land der Genossenschaften. Das klingt verstaubt, ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil, sagt Franco Taisch von der Universität Luzern.

Franco Taisch: «Über die letzten 10 Jahre zeigt sich eine Zunahme der Genossenschaften».

Franco Taisch: «Über die letzten 10 Jahre zeigt sich eine Zunahme der Genossenschaften».
http://www.coopzeitung.ch/5711632 Franco Taisch: «Über die letzten 10 Jahre zeigt sich eine Zunahme der Genossenschaften».

Coopzeitung: 2012 ist das Uno-Jahr der Genossenschaften. Doch irgendwie klingt Genossenschaft leicht verstaubt. Täuscht dieser Eindruck?
Franco Taisch: Nein, der täuscht nicht. Es ist ein verstaubter Begriff; auch ein unternehmerisches Modell mit einem verstaubten Image, das in der Gesellschaft wenig wahrgenommen wird.

Ist das Modell überholt?
Überhaupt nicht. Die Wirtschafts- und Finanzkrise und die Entwicklung in den letzten fünf Jahren haben die Diskussion über Werte in der Wirtschaft verstärkt. Das hat gezeigt, dass die alte, nennen wir sie besser traditionelle Unternehmensform der Genossenschaft heute den Zeitgeist trifft. Sie basiert auf einem unternehmerischen Denken, dem andere Werte wichtiger sind als die Gewinnmaximierung. Damit wird die Genossenschaft wieder hochmodern.

Was zeichnet denn eine Genossenschaft aus im Unterschied zu einer Aktiengesellschaft?
Ein Hauptunterschied ist die Ausrichtung des Nutzens unternehmerischen Handelns. Aktiengesellschaften sollen Gewinn für den Eigentümer erwirtschaften und diesen maximieren. AGs werden so oft, insbesondere bei Börsenkotierung, zur reinen Finanzanlage, deren Unternehmenspolitik wesentlich vom Finanzmarkt beeinflusst wird. Genossenschaften richten ihren Blick dagegen zum Vornherein auf alle unternehmensrelevanten Gruppen aus. Sie wollen, dass auch Arbeitnehmer, Kunden, Lieferanten, die Gesellschaft und die Umwelt Gewinn erwirtschaften beziehungsweise profitieren. Heute bemühen sich natürlich auch Aktiengesellschaften, ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Man nennt das Corporate Responsibility. Eine Genossenschaft braucht diese spezielle Bezeichnung nicht, weil bei ihr dieser Gedanke im Grundmodell drin steckt.

Ihre Begeisterung ist spürbar. Würde die Wirtschaft funktionieren, wenn es nur noch Genossenschaften gäbe?
Die Wirtschaft braucht aus meiner Sicht verschiedene unternehmerische Plattformen, Diversität ist für eine gesunde Wirtschaft wichtig. Alle Modelle haben ihre Vor- und Nachteile.

Gewinnmaximierung impliziert eine gewisse Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber. Sympathisch ist das nicht.
Die reine Shareholder-Value-Religion, die man bis vor etwa zehn Jahren bei Aktiengesellschaften kannte, hat diesen negativen Beigeschmack. Das ist heute aber überholt. Die meisten AGs engagieren sich entsprechend. Eine sorgfältig und verantwortungsvoll geführte Aktiengesellschaft nimmt auch Rücksicht auf andere Gruppen.

Genossenschaften sind für uns Laien grundsätzlich sympathische Unternehmensformen, weil sie nicht durch Boni und exorbitante Gehälter ihrer Führungskräfte auffallen. Sind diese Auswüchse der Aktiengesellschaft in die Wiege gelegt?
Indirekt schon. Die Führungsstruktur der Aktiengesellschaft ist autoritär. Wer am meisten Kapital hat, der bestimmt. Bei einer Genossenschaft kommt es nicht auf das Kapital an, denn jeder Genossenschafter hat eine Stimme. Das ist ein sehr demokratisches Modell. Man muss überzeugen. Das ist schwieriger, aber vielleicht auch nachhaltiger. Und es betrifft nicht nur Gehälter, sondern alle Entscheidungen.

Macht das eine Genossenschaft nicht träge?
Das möchte man meinen. Die Realität zeigt aber ein anderes Bild. Raiffeisen hat die Bank Wegelin in zehn Tagen übernommen. Die Übernahme von Denner durch die Migros ging ähnlich rasch. Genossenschaften können sehr schnell reagieren.

Coop ist als Genossenschaft organisiert, einzelne Banken und Versicherungen auch. Ist das die beste Organisationsform für diese Unternehmen?
Die beste? Das ist schwierig. Wenn ein Unternehmen nicht nur eine Gewinnmaximierung anstreben will, ist die Genossenschaft sicher eine sehr gute Unternehmensform.

Die Discounter Aldi und Lidl sind nicht als Genossenschaft organisiert. Ist das typisch oder eher Zufall?
Eine gute Frage. Wenn eine Gruppe in unserer Gesellschaft der Meinung ist, Coop und Migros seien zu teuer und böten kein faires Preis-Leistungs-Verhältnis an, dann könnte man aus
Selbsthilfe durchaus auch einen genossenschaftlich organisierten Discounter gründen und es besser machen. Aber Aldi und Lidl sind wohl von aussen betrachtet eher Unternehmen, die vor allem Profit für die Eigentümer abwerfen sollen. Wenn ein Unternehmen noch andere Werte und Anpruchsgruppen bedienen will, heisst das auch, dass das Produkt für den Kunden vielleicht etwas teurer ist, dafür hat man Arbeitsbedingungen und Löhne, die den Arbeitnehmern entgegenkommen.

Sind Genossenschaften der Globalisierung gewachsen?
Ich denke ja. Dieser Trend, als Unternehmen einen mehrfachen Nutzen zu stiften, ist global.

Es werden nach wie vor wenige Genossenschaften gegründet, ihre Zahl stagniert.
Das stimmt nicht ganz. Über die letzten 50 Jahre ist die Zahl wohl stagnierend, doch über die letzten 10 Jahre zeigt sich eine sanfte Steigung. Aber es herrscht kein Boom, das ist klar. Heute kann man allein eine Aktiengesellschaft oder GmbH gründen. Für eine Genossenschaft braucht es sieben Genossenschafter. Das ist für ein Start-up-Unternehmen ein Hindernis.

Die bekannteste Genossenschaft der Schweiz, die Eid-Genossenschaft, hat auch nur drei gebraucht …
Genau. Die Zahl Sieben ist etwas beliebig. Zudem müssen die Unternehmensberater ihren Reflex ablegen, immer gleich die Statuten einer AG oder GmbH aus der Schublade zu ziehen. Die vergessen die Genossenschaft schlicht. Das braucht aber etwas Zeit.

Zur Person: Franco Taisch

Franco Taisch (53) ist Ordinarius für Wirtschaftsrecht an der Universität Luzern und Vorsitzender des Direktoriums des Instituts für Unternehmensrecht und leitet das Kompetenzzentrum für Genossenschaftsunternehmen. Der Unternehmer und Unternehmensberater ist Verwaltungsrat der Raiffeisen-Gruppe. Taisch lebt in Zug und im Engadin.
In der Schweiz gibt es rund 10 000 Genossenschaften. Die 10 grössten Genossenschaften erwirtschaften 11 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Zu ihnen zählen Coop, Migros, Fenaco (mit Volg und Landi), Mobiliar und Raiffeisen.

Die Eckpfeiler

Die Geschichte der Coop-Genossenschaft ist eine Erfolgsgeschichte. Angefangen hat sie mit der Gründung von Konsumgenossenschaften, die zum Ziel hatten, gute Lebensmittel zu günstigen Preisen zu verkaufen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Aktie des Konsumvereins Zürich von 1868, damals als Aktiengesellschaft geführt.

Aktie des Konsumvereins Zürich von 1868, damals als Aktiengesellschaft geführt.
http://www.coopzeitung.ch/5711632 Aktie des Konsumvereins Zürich von 1868, damals als Aktiengesellschaft geführt.

1851

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden viele Konsumgenossenschaften gegründet, um die wirtschaftliche Situation der Armen nachhaltig zu verbessern.
So 1851 der Konsumverein Zürich.

Der Laden des Konsumvereins Erstfeld in einer Aufnahme von 1906.

Der Laden des Konsumvereins Erstfeld in einer Aufnahme von 1906.
http://www.coopzeitung.ch/5711632 Der Laden des Konsumvereins Erstfeld in einer Aufnahme von 1906.

1864

1864 Gründung des Konsumvereins Schwanden. Damit beginnt eine erfolgreiche Genossenschaftsgeschichte.

So wurde um die Jahrhundertwende eingekauft: Lebensmittelverein Goldach, um 1900.

So wurde um die Jahrhundertwende eingekauft: Lebensmittelverein Goldach, um 1900.
http://www.coopzeitung.ch/5711632 So wurde um die Jahrhundertwende eingekauft: Lebensmittelverein Goldach, um 1900.

1890

1890 Gründung des Verbands Schweizerischer Konsumvereine (VSK) durch 42 Delegierte aus 27 Konsumvereinen. Ziel war es, die Vereine zu fördern, gemeinsam aufzutreten und genossenschaftliche Grundsätze zu verbreiten.

Der VSK-Hauptkontor, die zentrale Buchhaltung, um 1912.

Der VSK-Hauptkontor, die zentrale Buchhaltung, um 1912.
http://www.coopzeitung.ch/5711632 Der VSK-Hauptkontor, die zentrale Buchhaltung, um 1912.

1892: Nur zwei Jahre nach der Gründung des VSK wurde der gemeinsame Grosseinkauf eingeführt mit dem Ziel, preisgünstige Waren in einwandfreier Qualität zu bekommen.

Einkauf am Morgartenring in Basel: Aufnahme um 1900.

Einkauf am Morgartenring in Basel: Aufnahme um 1900.
http://www.coopzeitung.ch/5711632 Einkauf am Morgartenring in Basel: Aufnahme um 1900.

1900

1900 gehörten dem VSK bereits 116 von 257 bestehenden Schweizer Konsumvereinen an. Und das Wachstum ging weiter.

Der erste Coop-Selbstbedienungsladen an der Stauffacherstrasse in Zürich, um 1948.

Der erste Coop-Selbstbedienungsladen an der Stauffacherstrasse in Zürich, um 1948.
http://www.coopzeitung.ch/5711632 Der erste Coop-Selbstbedienungsladen an der Stauffacherstrasse in Zürich, um 1948.

1960

1939 gab es in der Schweiz 2469 Verkaufsläden, in denen rund 430 000 Mitglieder einkauften.
1960 erreichte der VSK mit 3320 Filialen seine grösste Ausdehnung.

Bis 1974 waren die Markenbüchlein in Gebrauch.

Bis 1974 waren die Markenbüchlein in Gebrauch.
http://www.coopzeitung.ch/5711632 Bis 1974 waren die Markenbüchlein in Gebrauch.

1969

1969 ist das Jahr der grossen Änderung: Der VSK heisst ab jetzt Coop Schweiz.
Die lokalen Konsumgenossenschaften schliessen sich zu regionalen Coop-Genossenschaften zusammen. Das Verkaufsladennetz wird gestrafft. Zwischen 1970 und 1990 sinkt die Zahl der Läden von rund 2300 auf weniger als 1200. Heute gibt es noch 800 Supermärkte.

Einkaufen heute: Coop-Center, 2003.

Einkaufen heute: Coop-Center, 2003.
http://www.coopzeitung.ch/5711632 Einkaufen heute: Coop-Center, 2003.

2001

2001 schlossen sich die verbliebenen 14 Regionalgenossenschaften mit der Zentrale Coop Schweiz zur Coop Genossenschaft zusammen.

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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Gaccioli Kreuzlingen, Justin Hession, zVg
Veröffentlicht:
Montag 01.10.2012, 12:18 Uhr


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