Erinnerungsreisen

Sie weiss, was sie nie vergessen wird.

Sybil Schreiber: Wir trinken Espresso auf der Veranda. «Denkst du viel an deinen Vater?», fragt Schneider unvermittelt. Beinahe verschlucke ich mich. Seit seinem Tod vor zweieinhalb Jahren gibt es immer wieder Phasen, in denen er mir sehr nah ist.
Ich rühre im Espresso und antworte: «Ja, jetzt, da es herbstelt. Und gestern hielt ich im Schopf seine alte Fellweste in den Händen: Sie roch ganz fest nach ihm.» Mir kommen die Tränen.
Schneider sagt: «So lange wir uns an ihn erinnern, so lange ist er da.» Er reicht mir eine Serviette, wie aufmerksam von ihm.
Ich schaue Schneider an und sage leise: «Wenn du mal nicht mehr, also, hier, auf der Erde bist, weiss ich genau, woran ich mich erinnern werde: Wie du lachst, wie du tanzt. An deine Augen, deine Haut, deine Handgelenke, dein Curry. An unsere Gespräche. Von dir ist so viel Gutes in meinem Leben, ich werde viel, viel, viel zu denken haben ...»
Er schaut gerührt und lässt wohl meine Worte nachwirken.
Ich trockne meine Tränen. Dann – nach einer langen Weile, sozusagen nach einer Schweigeminute – fragt er: «Erwartest du, dass ich jetzt aufzähle, an was ich mich erinnern werde, wenn du ...»
Nein.
Nicht mehr.
Dafür war seine Pause zu lang.

Steven Schneider: Manchmal essen unsere Kinder über Mittag bei Freundinnen, manchmal essen dafür ihre Freundinnen bei uns. Beides ist lustig.
Aber an diesem Herbsttag, an dem sich die Sonne erst um elf durch den Nebel gekämpft hat und jetzt ein helles Licht über alles legt, sitzen wir allein auf der Veranda in den massiven Holzstühlen. Das ist so ganz à la mode meines Schwiegervaters.
So habe ich diesen grossen Mann, gescheit und freundlich, lustig und offen, in Erinnerung. Als er starb, waren wir alle erschüttert. Ein Jahr lang trauerte Schreiber heftig, weinte viel. Nun überwiegen die schönen Erinnerungen, wir sprechen mit einem feinen Lächeln über ihn.
Ich höre Schreiber zu, wie sie mich beschreibt. Das kann sie unglaublich gut: einfach aus dem Stegreif die schönsten, passenden Worte für jemanden zu finden.
Aber je mehr sie aufzählt, was ihr an mir gefällt, desto sprachloser werde ich. Natürlich gefallen mir an ihr tausend Dinge, aber die kann ich jetzt nicht alle spontan nennen.
Es wäre ein Gestotter, das viel Zeit braucht. Und eigentlich will ich auch nicht aufzählen, woran ich mich einst erinnern werde, falls Schreiber nicht mehr ist. Denn sie ist ja.

(Coopzeitung Nr. 41/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Mittwoch 03.10.2012, 11:02 Uhr

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