Stille Seiten

Sonntagmorgen voller Harmonie – nur die Zeitung liegt zwischen ihnen.

Steven Schneider: Woran merkt man, dass die Kinder grösser werden? Sie bleiben am Sonntag im Bett liegen. Vorbei die Zeiten, als sie im Morgengrauen Bilderbücher anschauen wollten. Deshalb sitzen Schreiber und ich alleine beim Morgenessen. Sie war schon mit dem Hund draussen, hat beim Bäcker gesalzene Kümmelsemmeln geholt – wir leben eben nah an Deutschland –, und mir auch eine Sonntagszeitung mitgebracht.
Früher, in der Vorfamilienzeit, hatten wir stets eine abonniert. Irgendwann wurde uns das Papier zu viel, die Zeit zu knapp und wir verabschiedeten uns vom Abo. Umso schöner, hin und wieder sonntags beim Frühstück eine Zeitung zu lesen.
Und die liegt nun schon eine Weile jungfräulich neben mir. Auf der Titelseite prangt ein Foto von Valon Behrami. Einer meiner Lieblingsfussballer.
Hm.
Aber Schreiber ist bestens gelaunt. Das heisst: Sie redet. Mit mir. Noch dazu über ihr Nachtleben, also ihre Träume: «Wir sassen in einem Boot, die Wellen waren gigantisch, alles wackelte ...»
Ihre Träume sind mir ein Rätsel, deren Lösung mich noch nie sonderlich interessiert hat. Aber ich will ihr den Sonntag nicht verderben und blicke freundlich. Denn irgendwann hat jeder Traum ein Ende.

Sybil Schreiber: «Ich habe dir eine Freude gemacht und dir mal wieder eine Zeitung mitgenommen», sage ich zu Schneider, als wir beim Sonntagsfrühstück sitzen. Ohne Kinder, voller Ruhe. Er blickt mich erwartungsvoll an, nimmt einen Schluck Kaffee, und mir scheint, er will reden. Jeder andere Mann würde sich sofort mit Eifer auf die Zeitung stürzen, um das Neuste aus Bundesbern, Wirtschaft und Sport zu lesen und zu schweigen.
Mein Schneider aber ist nicht wie jeder andere Mann, er will wissen, wie es so war im Ort. Also erzähle ich von meinem Spaziergang, wie fein es in der Bäckerei duftete, dass ich unterwegs Freunde getroffen habe. Schneider blickt mich freundlich an.
Ich würde zwar lieber ein bisschen in die Zeitung schauen, aber wenn er unbedingt will, dann plaudere ich halt weiter. Über dies und das. Nach einer Weile wähle ich ein neues Thema und erzähle von meinem Traum: «... und zuletzt rollte eine Turbowelle auf uns zu. Zum Glück bin ich genau dann aufgewacht.»
Schneider gähnt verstohlen. Perfekt. Das ist der ideale Zeitpunkt, um das Thema zu wechseln: «Du Sport? Ich Kultur?», frage ich.
Na endlich!
Er lächelt, es raschelt, wir lesen.
Da galoppieren die Kinder in die Küche.

(Coopzeitung Nr. 43/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 22.10.2012, 10:40 Uhr

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