Stephan Eicher ist einer der ganz grossen Schweizer Musiker, die auch im Ausland auf eine treue Fangemeinde zählen können.

Stephan Eicher: «Lächeln, wenn es wehtut»

Chansonnier Stephan Eicher über seine meisterhafte CD «L’Envolée», die Wirkung von surrealen, selbst auferlegten Regeln und über Wein.

Coopzeitung: «Demande moi de grandir!» heisst es im ersten Lied. Geht es Ihnen darum, als Künstler zu wachsen?

Stephan Eicher: Eigentlich strebe ich mehr nach der Reduktion. Ich versuche, immer mehr wegzulassen, mich zu beschränken. Aber es ist ein schöner Gedanke, dass mir dies hilft, zu wachsen, gross zu werden.

Konzentrieren Sie sich aufs Wesentliche?
Das sagen sie immer, die Künstler! (schmunzelt) Bei einigen Liedern, in denen ich das Kleine auf diese Art wieder sichtbar machen wollte, bin ich grandios gescheitert. Das gehört jedoch zum Spiel und macht es spannend. Nach einem tollen Konzert gehe ich oft zu meinen Musikern und frage: Was machen wir nur, wenn wir einmal erwachsen sind?

Entsteht aus dem Spiel Kunst und aus Ernsthaftigkeit nur Handwerk?
Wenn Musiker ihr Handwerk beherrschen, kann mich das berühren, in Klassik und Jazz ist es dafür sogar Voraussetzung. Mein Traum ist es, mein Werkzeug immer wieder neu zu erfinden. Für die Arbeit an der neuen CD habe ich eine Liste mit zehn surrealen Regeln aufgestellt. Eine lautete: Trage immer einen Anzug, wenn du Songs schreibst oder singst, denn das drückt deinen Respekt vor dem Publikum aus. Nachdem ich mich selbst daran gehalten hatte, konnte ich nach einer Woche mit der bestangezogenen Band der Welt aufnehmen. Die Musiker trugen alle Krawatte und geputzte Schuhe! Sogar der Toningenieur sass plötzlich im gebügelten Hemd hinter seinem Mischpult.

Das passte, zumal Sie ein Schloss zum Studio umfunktioniert haben ...
Als eine Art wandernder Dichter komme ich immer wieder an Orte, wo mir Leute, die mich vielleicht sympathisch finden oder Mitleid haben, weil es Winter ist, ein Obdach anbieten. So habe ich mich in meinem Leben, sogar mit Familie, immer gut «durchgeschummelt». Das Hotel Hess in Engelberg war ein Ort, in dem  ich immer willkommen war, und als es abgerissen wurde, habe ich das Château de Bavois zwischen Yverdon und Lausanne gefunden.

Wie hat man es sich vorzustellen?
Es ist kein richtiges Schloss mit Prinzessin, sondern ein historischer Gutshof mit Befestigung und Kanonen. Die dicken Mauern, viel Holz und Teppiche bewirken, dass der Klang in manchen Räumen demjenigen entspricht, den die alten Studios hatten, die bankrott gegangen sind, weil viele Bands ihre Platten heute zu Hause oder im Übungsraum aufnehmen.

Wie kamen Sie auf die Idee, mit Ihrem langjährigen Texter und Freund, Literat Philippe Djian, erstmals ein Duett aufzunehmen?
«Elle me dit» entstand, weil wir auf der gemeinsamen Tournee, die uns an verschiedene Literaturfestivals führte, keine gewöhnlichen Lesungen mehr machen wollten. Wir beschlossen, bei den Auftritten anhand von mehr und weniger bekannten Texten zu zeigen, wie wir zusammenarbeiten. Philippe begann zu lesen und ich liess mich auf der Gitarre vom Rhythmus seines Vortrags und den Klangfarben der Worte inspirieren.

Im Liebeslied «Du» singen Sie vom «Rote-n-i mim Glas». Symbolisiert Wein für Sie eine spezielle Stimmung?
Nicht für mich! Das ist die einzige Zeile, bei der ich mich nicht getraute, Martin Suter um eine Änderung zu bitten. Das Bild des älteren Herrn, der in sein Rotweinglas schaut und philosophiert, dass alles je reifer desto besser wird, entspricht mir nicht. Aber – und das ist eine der Qualitäten von Martin Suter – es löst im Zuhörer aus, was es auslösen soll.

Mögen Sie die berauschende Wirkung des Weins?
Wenn ich den Rausch suche, greife ich direkt zum Wodka. In meinen Liedern ist der Rausch oft ein Thema. Mit meinem Repertoire hätte ich Bar-Pianist werden sollen! (lacht) Ich habe mal bei einem Konzert meinem Pianisten gesagt, er solle die Songs so spielen, als hätte er all das intus, was in den Songs vorkommt: Wein, Bier, Champagner, Whisky ...

«Le Sourire» handelt von einer Frau, die mit ihrem Lächeln heilt. Gibt es in Ihrem Leben eine solche Frau?
Es gibt nicht nur eine, sondern mehrere solche Frauen. Meine Mutter gehört sicher zu ihnen. Eine Freundin, die Balletttänzerin an der Pariser Oper ist, hat mich zu diesem Lied inspiriert. Als ich ihr sagte, dass ich Ballett zwar liebe, aber dieses künstliche Lächeln der Tänzerinnen nicht ertrage, erklärte sie mir: «Das Erste, was wir lernen, ist zu lächeln, wenn es wehtut.» Seither lächle ich, wenn es mir nicht gut geht, und denke dabei an sie. Und das funktioniert! Dann ist alles weniger schlimm.

Stephan Eicher

Beruf: Sänger, Musiker, Songschreiber
Geburtsdatum:
17. August 1960 in Münchenbuchsee BE
Zivilstand:
ledig, zwei Söhne
Wohnort:
Camargue, Frankreich
Laufbahn:
1980 landete Eicher mit der Neue-Deutsche-Welle-Band Grauzone (mit Bruder Martin Eicher) den Hit «Eisbär». Seit dem ersten Soloalbum «Les chansons bleues» singt der Berner hauptsächlich Französisch und Berndeutsch. Seine Texte stammen von Autoren wie Philippe Djian und Martin Suter. Die bisher erfolgreichste CD ist «Engelberg» (1991), seine bekanntesten Lieder sind «Déjeuner en paix», «Weiss nid was es isch» und seine Coverversionen von «Hemmige» und «Guggisberglied».
Aktuell: CD «L’Envolée» (Universal Music),
Live: 9. Dezember Genf Salle des Fêtes de Thônex, 11. Dezember Zürich Volkshaus. Weitere Daten im März 2013.

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Interview: Reinhold Hönle

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 22.10.2012, 00:00 Uhr

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