Schlüssel zum Glück

Aus lauter Gewohnheit: Er ist schuld.

Sybil Schreiber: Ich habs eilig, sollte schnell aus dem Haus ins «Hirschli». Wir erwarten Feriengäste und die Wohnung muss ich noch fixfertig putzen. Ich greife ans Schlüsselbrett – ins Leere.
Verflixt noch mal, wo ist er denn jetzt schon wieder? Der grosse Schlüsselbund mit dem blauen Band?
Schneider! Er ist der schusselige Schlüsselchaot bei uns, legt sie auf den Schreibtisch, ins Auto, unter Zeitungen oder verliert sie, wie damals im Fährhafen von Genua.
Ich dampfe vor mich hin. Typisch, jetzt bin ich im Stress, weil er schlampt! Wenn er seine eigenen Sachen verhühnert, ist mir das mittlerweile egal. Selber schuld, wenn er ohne Portemonnaie essen geht oder die Lesebrille daheim vergisst und in den Ferien halb blind die Zeitung lesen muss. Aber Schlüssel! Schlüssel gehören uns gemeinsam!
«Wo hast du den Hirschli-Schlüssel hingelegt?», rufe ich genervt Richtung Schneider, der am Computer sitzt und schreibt.
Ich wühle hektisch in seinen Jacken, schaue in den Schuhen, die unterm Schlüsselbrett stehen, stöbere in unserer Krimskramsschublade.
Und Schneider? Tut nichts dergleichen, hat die Ruhe weg, statt mir beim Suchen zu helfen. Dabei wäre genau das der Schlüssel, um mich zu besänftigen.

Steven Schneider: Schreiber sucht. Das hört man. Das hört man gut, denn sie flucht, schnauft, schnaubt und stampft dabei.
Diese Lautäusserungen gelten dabei allein mir, denn wenn irgendetwas fehlt, dann bin ich der Sünder. So ist es auf der Festplatte von Schreiber eingebrannt.
«Schau doch mal in deiner Handtasche!», rufe ich ihr zu.
«Da sind sie nicht», zischt sie. «Du hast gestern einen Kurs gegeben, also warst du zuletzt im ‹Hirschli›, also hast du auch zuletzt den Schlüssel gehabt.»
Ich nenne das partielle Wahrnehmung mit dem Ziel, dass ich am Schluss der Schuldige bin.
Zugegeben: Ich verlege ab und an etwas.
Aber nicht immer.
Gestern Abend ist Schreiber nämlich noch einmal rasch ins «Hirschli» geflitzt. Solche Details speichere ich. Sie nicht.
Mir gegenüber auf dem Schreibtisch liegt ihre Handtasche, gross wie ein kleiner Abfallsack. Ich lange rüber und tu etwas, was ich sonst nicht mache: Ich wühle darin. Unglaublich, was sie mit sich durch die Welt schleppt.
Dann klimpert es.
Die Schlüssel.
Tja! Das fühlt sich jetzt grad sehr gut an. Es gibt Augenblicke im Leben eines Mannes, die ruhig länger dauern können. Das ist grad einer. Deshalb lege ich die Schlüssel lautlos wieder zurück.

(Coopzeitung Nr. 44/2012)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Donnerstag 25.10.2012, 15:51 Uhr

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